Kunst-Videos von Alain de Botton Lebenshilfe im Monty-Python-Stil

Zu welchem Ende lesen wir Romane? Alain de Botton stellt die klassische Preisfrage neu.

(Foto: The School of Life)

Malerei, Literatur, Philosophie sind irgendwie wichtig, aber warum eigentlich? Der Philosoph Alain de Botton glaubt an den praktischen Nutzen der schönen Künste - und erklärt ihn in amüsanten Kurzfilmen.

Von Kathleen Hildebrand

Vor Kurzem haben Forscher der London School of Economics ausgerechnet, was kulturelle Erlebnisse "wert" sind. Wollte man zum Beispiel das Wohlbefinden, das der Besuch in einem historischen Gebäude bewirkt, durch eine Gehaltserhöhung erzielen, müsste man dem durchschnittlichen Briten übers Jahr 1646 Pfund mehr zahlen. Die Beschäftigung mit Kunst ist 1084 Pfund wert.

Wenn Schöngeistiges und Pragmatismus solcherart aufeinandertreffen, löst das entweder Heiterkeit aus oder Entsetzen. Beide Reaktionen greifen ein wenig kurz. Schönheit in Zahlen auszudrücken, tut weh, weil schnöde Kosten-Nutzen-Erwägungen in den hohen Sphären der Kunst nichts zu suchen haben, sagen die einen. Andererseits lässt sich damit vielleicht der eine oder andere Bilanzverbesserer dazu bewegen, das Gute, Wahre, Schöne überhaupt erst als Kategorie in seine Excel-Tabelle aufzunehmen - und es nicht von vornherein als überflüssig abzutun.

Alain de Botton, britisch-schweizerischer Philosoph und Bestseller-Autor, denkt genau so. Allerdings argumentiert er als Geistesmensch nicht mit Geldbeträgen, wohl aber mit einer anderen Art von Praxisbezug: Kunst, Literatur, Philosophie seien Lebenshilfe. "Wie Proust Ihr Leben verändern kann" war 1997 de Bottons Debüt. 2013 gab er mit "Art as Therapy" einen Kunst-Bildband mit Anleitungen heraus, wie man Kunstwerke zur Steigerung der geistigen Gesundheit nutzen kann: Eine rostige Stahlwand des Künstlers Richard Serra verleiht der eigenen Traurigkeit wohltuende Dramatik - und ein klar gestaltetes Bauhaus-Interieur mildert den Stress. In Bottons "School of Life", einer hippen Version der Volkshochschule, vermittelt er in Großstädten weltweit, wie Philosophie und schöne Künste beim besseren Leben helfen können.

Literatur spart Zeit

In drei neuen Kurzfilmen im Monty-Python-Stil erklärt de Botton jetzt auf dem YouTube-Kanal seiner Schule, worin der praktische Nutzen von Kunst, Literatur und Philosophie genau besteht. Literatur zum Beispiel spare erstens Zeit - weil sie Zugang zu Erfahrungen gewähre, die man ohne Bücher erst langwierig selbst machen müsste. Sie schule durch den Wechsel der Perspektiven das Empathievermögen und bereite uns auf Situationen des Versagens vor: Weil große Autoren eben nicht hämisch über Fehltritte schreiben, wie es die Klatschpresse täte, sondern verständnisvoll und einfühlsam berichteten, wie es ist, wenn im Leben alles schiefgeht.

Botton macht das sehr überzeugend. Die Art von Praktikabilität, die er beschreibt, stößt auch solche Menschen nicht vor den Kopf, die der Kunst bereits zugetan sind. Was Botton fordert, würde den Umgang mit den Künsten von Grund auf verändern: Literatur solle man nicht nur als Ablenkung und Unterhaltung betrachten, fordert Botton. Sondern als eine Form von Psychotherapie, die uns hilft, "mit ein bisschen mehr Weisheit und geistiger Gesundheit zu leben und zu sterben".

Auch die Philosophie möchte Botton mit einer seiner Videobotschaften aufwerten. Sie helfe zu hinterfragen, ob der ewige "gesunde Menschenverstand" tatsächlich immer Recht hat (schon mal vorweg: hat er nicht). Philosophie bedeute langfristiges Denken, Einordnung und Perspektivenwechsel: In seinem Kurzfilm empfiehlt Botton sie als besseren Think Tank und als die moralischere Unternehmensberatung. Platons Utopie war der Philosophenstaat, der Denker als König - Botton steht in einer alten Tradition, wenn er seiner eigenen Disziplin mehr Einfluss wünscht.

Philosophen-Pulli für 150 Pfund

Schade nur, dass Botton mit seiner School of Life nicht nur dem intellektuellen Konzept der Lebenshilfe erliegt, sondern auch gleich dem ganzen damit verbundenen Merchandise-Kram. Im Online-Shop der School of Life kann man sich für 50 Pfund eine hübsche Kugelvase bestellen - den "imperfection pot": Sie ist nicht ganz gerade, der Rand unregelmäßig gewellt. Aber nur so kann sie ihren Besitzer vom Übel des Perfektionismus heilen - indem sie ihn daran erinnert, dass erst kleine Fehler wahre Schönheit ausmachen. Zwei Klicks weiter gibt es einen "Philosophen-Pulli". Er ist schlicht und schwarz und kostet 150 Pfund.

Da verheddert sich die School of Life auf ungute Weise im eigenen Konzept: Kunst und Künstler seien, das sagt Botton in seinem Literaturwerterklärungsfilmchen, immer "auf der anderen Seite" der Gesellschaft. Weil sie sich mit Ideen beschäftigten, die eben kein Geld und keinen Status einbrächten. Ganz so weit wollte er selbst wohl nicht gehen.