Kulturelle Hintergründe des Konflikts Warum Russland der Türkei misstraut

Wut auf die Türkei: Ein Mann protestiert vor der türkischen Botschaft in Moskau.

(Foto: imago/ITAR-TASS)
  • Kämpfe um die Krim, um den Balkan, um den Kaukasus haben in Russland über Jahrhunderte die Vorstellung vom heimtückischen Türken gefestigt.
  • Immer noch gibt es das Vorurteil vom Türken, der einem seinen Dolch in den Rücken rammt.
Von Tim Neshitov

Wenn Wladimir Putin sagt, die Türkei habe Russland mit dem Abschuss des russischen Kampfjets "einen Stoß in den Rücken" verpasst, drückt er mehr als wütende Verwunderung aus. Der russische Staatschef staubt da ein sehr altes Feindbild ab. Der Türke: heimtückisch, blutrünstig, der mit dem krummen Säbel.

Manche Feindbilder sitzen in der Massenpsyche tiefer als andere, was nur bedingt etwas mit den historischen Umständen ihrer Entstehung zu tun hat, zum Beispiel mit der Menge Blut, die der Feind einst vergoss. "Die Deutschen" sind in Russland längst nicht mehr "die Nazis", sondern höchstens (aber auch nur in letzter Zeit) die selbstdestruktiven Anführer eines dekadenten Abendlandes, die nebenbei auch solide bauen und brauen können. Mit den Türken sieht es etwas anders aus.

Der Türke war in Russland nie der alte Mann mit der Aldi-Tüte. Es gab keine türkischen Gastarbeiter in Russland. Was es schon immer gab, waren erstens die orientalischen Klischees, denn Lord Byron ist auch in Russland ein Superstar. Und diese Harem-Serail-Romantik hielt in Russland deswegen länger als in Europa an, weil der Kontakt mit lebendigen Gegenwartstürken in der Sowjetunion minimal war.

Reaktionen von Erdoğan und Putin

Der russischen und der türkische Präsident interpretieren den Abschuss des russischen Kampfjets sehr verschieden. Statements im Video. mehr ...

Es gab schon immer die Vorstellung vom heimtückischen Türken

Noch wichtiger: Es gab schon immer die nun von Putin so subtil bediente Vorstellung vom heimtückischen Türken. Die erklärt sich aus den zahlreichen Kriegen, die das Russische und das Osmanische Reich seit dem 16. Jahrhundert gegeneinander führten. Man kämpfte um die Krim, um den Balkan, um den Kaukasus, darum, wessen Gott der wahre ist. Diese von Generation zu Generation übertragene Erinnerung an Blut, Feuer und rollende Köpfe drang in Russland noch stärker ins Folkloristische hinein als die Erinnerung der Europäer an die Belagerungen Wiens durch "die Muselmänner".

Kornej Tschukowskij, eine der schärfsten Federn Russlands Anfang des 20. Jahrhunderts, Übersetzer Walt Whitmans, wurde erst mit einem Gedicht richtig berühmt, das er 1916 für Kinder schrieb. Es heißt "Krokodil" und wird bis heute in Kindergärten auswendig gelernt.

Es war einmal

Ein Krokodil.

Das lief über die Straßen,

Rauchte Papirossi.

Und sprach Türkisch.

Krokodil, Krokodil Krokodilowitsch.