Kino: Morgen das Leben Es muss sich etwas ändern

Drei Großstadtmenschen um die 40 strampeln sich ab, um ein Gefühl des Vorhandenseins zu ergattern: Alexander Riedels ironisch-meditativer Film "Morgen das Leben".

Von Rainer Gansera

Der "Isarmärchen"-Titelsong in der hübschen, spieldosenartigen Coconami-Version spricht es aus: "Schön wie ein Märchen, mein München, bist du!" Das ist nicht nur Ironie. Märchen handeln von verwunschenen Welten und Erlösungssehnsucht - und genau davon erzählen die drei episodisch parallel geführten Geschichten in Alexander Riedels wundersam melancholischem, brillant in Szene gesetztem ersten Spielfilm.

Der Titel "Morgen das Leben" spielt einerseits auf die Aufschubattitüde an, die wir in der Erziehung eingetrichtert bekommen: zur Lebens- und Karrieresicherung musst du einen Pflichtparcours absolvieren, bevor das "eigentliche Leben" beginnen darf. Andererseits bezeichnet er ganz konkret die Lebenslage der drei vierzigjährigen Protagonisten. Sie stecken in Sackgassen aus Einsamkeit, Nicht-mehr-weiter-wissen oder Neuorientierung und hoffen auf ein Morgen, das im emphatischen Sinne lebendig sein soll. Es muss sich etwas ändern.

Ulrike (Ulrike Arnold) findet für sich das Bild vom Schmetterling, der im Puppenstadium wie tot erscheinen mag, sich aber dann grandios entfalten wird. Ihr Freund hat sie verlassen.

Sie kündigt ihren sicheren Job beim Sozialamt, beginnt eine Kosmetik- und Massageausbildung: "Ich möchte jetzt eine Veränderung in meinem Leben, bevor es zu spät ist!" Wenn sie mit Freundinnen zur Insektenkostümparty loszieht, hängt sie sich Schmetterlingsflügel um: Auffliegen wie ein Schmetterling. Leichtigkeit des Seins. Aber in ihrem Blick spiegelt sich die Angst vor der eigenen Courage.

Das verflixte vierzigste Jahr. In früheren Zeiten war das dreißigste Jahr - Ingeborg Bachmann hat es eindringlich in einer Erzählung beschrieben - der magische Lebens-Wendepunkt: Ende der Jugendträume, Beginn eines wie immer zu definierenden Lebensernstes. In der heutigen Generation der unentschieden Taumelnden stellt sich zehn Jahre später die unabweisbare Frage, wohin es mit dem Leben gehen soll.

Jochen (Jochen Strodthoff) wollte mal Grafikdesigner werden, aber er schaffte es nicht, landete bei Gelegenheitsjobs im Großmarkt und in einem vom Sozialamt zugewiesenen Pensionszimmer am Hauptbahnhof. Er, der niemals wie sein Vater Versicherungsvertreter werden wollte, wird geradewegs in dessen Fußstapfen treten. Eine Kapitulation, die ihm keineswegs aufs Gemüt drückt. Er will das Vertretersein mal ausprobieren.

Eine provisorische Existenz, wie Judith (Judith Al Bakri), die von ihrem früheren Job als Stewardess träumt. Nach ihrer Scheidung schlägt sie sich als alleinerziehende Mutter eines Kleinkindes mit Heimarbeit und Telefonmarktforschung durch.

Alexander Riedel (Jahrgang 1969, Absolvent der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film), der mit Dokus begann ("Draußen bleiben"), balanciert geschickt auf der Doku-Fiktion-Grenzlinie, mixt Schauspieler und Laien, sucht Momente existentieller Wahrhaftigkeit. Sein Thema ist dramatisch, aber er filmt es in liebevollen Meditationen von Alltagssituationen.

Sein München kennt keine Wahrzeichen, sondern anonyme Ambientes aus Glas-Stahl-Bürohochhäusern, Shoppingcentern und Neubausiedlungen - präzis gefilmte Modernität wie bei Tati in "Playtime". Eine verwunschene Welt, in der Menschen sich abstrampeln, um ein Gefühl der Vorhandenheit zu ergattern.

MORGEN DAS LEBEN, D 2010 - Regie: Alexander Riedel. Buch: Bettina Timm, A. Riedel. Kamera: Martin Farkas. Mit: Judith Al Bakri, Ulrike Arnold, Jochen Strodthoff, Gottfried Michl, Kathrin Höhne, Gabi Geist. Movienet, 92 Min.

Chaot für alle Fälle

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