Kino-Dokumentation über Marina Abramovic Die Künstlerin? Anwesend

Die radikale Präsenz ihres Körpers hat die Performance-Künstlerin Marina Abramovic weltbekannt gemacht. Jetzt zeigt ein Dokumentarfilm, wie sehr sie dabei auch die eigene Gefährdung sucht.

Von Philipp Stadelmaier

Mit ihrer warmen, charmanten Art erklärt Marina Abramovic in diesem Film, dass es sie dreimal gäbe: die verletzliche Marina, die von ihren Eltern zu wenig Liebe bekommen habe; die starke Marina, die sich durchschlagen kann; und dann die spirituelle Marina, die zwischen den anderen beiden navigiert. Matthew Akers' Porträt der extremen Performance-Künstlerin zeigt aber noch eine vierte Marina, vielleicht die wichtigste: Marina Abramovic, das ist zunächst die schiere Anwesenheit ihres Körpers.

"Marina Abramovic - The Artist is present", das ist der Titel des Films und der einer Performance im Rahmen einer Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art, bei deren Vorbereitung Akers die 1946 geborene Künstlerin im Jahr 2010 begleiten durfte. Während der Ausstellung war Abramovic dann selbst zugegen, ununterbrochen sieben Stunden am Tag auf einem Stuhl sitzend, schweigend, und das drei Monate lang - ihr gegenüber ein weiterer Stuhl, auf dem Besucher Platz nehmen und sie anschauen, die extreme Gegenwart ihres Körpers teilen konnten.

Was vermag ein Körper? Marina Abramovic scheint sich in ihrem Werk nie eine andere Frage gestellt zu haben. Von den frühen Arbeiten in Belgrad Anfang der Siebzigerjahre an hat sie, die erst Malerei studierte, den gesicherten Körper der Leinwand mit ihrem eigenen direkt herausgefordert. Dieser wurde ihr zum einzigen immer verfügbaren Medium, das von der Macht des autoritären Ostblockregimes nicht zensiert werden konnte, zur Freistatt einer völligen Souveränität - die sie erst dadurch gewann, dass sie ihre eigene Unversehrtheit aufs Spiel setzte. Bei "Rhythm 0", einer Aktion im Jahr 1974 in Neapel, konnte das Publikum beispielsweise Objekte wie Scheren, Ketten oder eine geladene Waffe an Abramovics Körper ausprobieren, auf die Gefahr hin, sie dabei umzubringen.

Es folgte die Zeit mit dem Künstler Ulay, der ihr nach einer blutigen Performance in Amsterdam die Wunden verband - und mit dem sie dann nomadisch neun Jahre lang im Kleinlaster durch Europa zog. Gemeinsam entwickelten sie Arbeiten wie "Nightsea Crossing", wo sie sich wochenlang unbewegt gegenübersaßen: weniger blutig, aber anders extrem. Ihre Liebesbeziehung endete 1988 schließlich mit "The Lovers". Von beiden Enden der Chinesischen Mauer ausgehend liefen sie 2400 Kilometer aufeinander zu, um sich bei ihrer Begegnung schließlich zu trennen.

Nach ihrer Trennung gibt Abramovic das Nomadendasein auf, entdeckt, wie sie gesteht, eine fast kindliche Lust an Komfort und schönen Kleidern. Sie arbeitet mit Theatern und Museen zusammen, hat immer größeren Erfolg. Später wird Ulay mit verschmitztem Lächeln erklären, Marina habe auch hart dafür gearbeitet - er selbst hingegen sehe in seinem Holzfällerhemd zwar aus wie ein Arbeiter, sei aber im Grunde einfach zu "lazy".

Gerade in der Vorbereitung ihrer Performance macht der Film jedoch um die Arbeit einen kleinen Bogen. Bei einem Workshop mit anderen Performern, die einige von Abramovics früheren Arbeiten wiederaufführen sollen, reduziert die Kamera die physische und mentale Belastung der Proben eher auf ein paar visuell ansprechende Clips, anstatt selbst die Ausdauer der Performer aufzubringen. Falsch wirken auch andere, offenkundig für die Kamera gestellte Szenen, wie etwa die - arrangierte - Wiederbegegnung zwischen Ulay und Abramovic in ihrem New Yorker Atelier.

Ein furchtbarer Schock

Später jedoch wird Ulay bei der Performance im MoMA ihr gegenüber Platz nehmen, und sie werden sich schweigend und bewegt die Hände reichen - ein starker Moment. Überhaupt, während der ganzen Aktion ist Akers Kamera, durch das Gewicht der schieren Anwesenheit der Abramovic auf einmal verankert, voll auf der Höhe.

Wenn Abramovic etwa zu Beginn ihrer Performance das Gesicht erhebt, dann ist das ein furchtbarer Schock: Man bekommt das unheimliche Gefühl, noch nie einen solchen Blick gesehen zu haben - und noch nie von irgendwem so angeschaut worden zu sein. Dieses Gesicht und sein Blick sind eine echte Erfindung von Akers und Abramovic. Eine sehr filmische Erfindung.

Auch der Raum, in dessen Mitte sie thront, umstellt von vier großen Scheinwerfern, erinnert an ein Filmset. Im einfarbigen Kleid, mit starrem, aber innerlich bewegtem Blick, lässt sie an Madeleine in Hitchcocks "Vertigo" denken. Könnte nicht auch dieser oder jener Mann unter den Besuchern Scottie alias James Stewart sein, der die Unbekannte bis ins Museum verfolgt hat und dort nun beobachtet? Könnte sie, vor der die meisten tief bewegt in Tränen ausbrechen, nicht ebenso zur Inkarnation alles Verlorenen werden?

Was Akers im Folgenden brillant einfängt, ist ein permanentes Spiel zwischen Blicken. Zwischen Künstlerin und Zuschauern, Schuss und Gegenschuss. Und darin entwickelt sich bald ein beklemmender Suspense. Denn wie das Spiel ausgeht, ist keineswegs klar. Wird sie es schaffen, wird sie zusammenbrechen? Wie wird sich das Publikum verhalten? Wird Madeleine vor Scotties Augen sterben?

Abramovic sitzt ihre Zeit nicht einfach heroisch aus. Ihr unbewegtes Sitzen, ihre radikale Präsenz ist bodenlos, ständig gefährdet: Im Halt und in der völligen Ruhe scheint ihr Fall unmittelbar bevorzustehen. Die Künstlerin kann sich nur dadurch retten, dass sie sich mit jedem der zahllosen Besucher, die vor ihr Platz nehmen, stumm verbindet, um den Absturz etwas hinauszuzögern. Sie braucht ihr Publikum nicht, um sich begaffen zu lassen, sondern - ganz Hitchcockianerin - "wie die Luft zum Atmen".

Marina Abramovic: The Artist Is Present, USA 2012 - Regie: Matthew Akers, Jeff Dupre. Kamera: Akers. Music: Nathan Halpern. Mit Marina Abramovic, Ulay, Klaus Biesenbach. NFP, 106 Minuten.