Kabarettist Vince Ebert im Interview "Kapitalismus ist unsere einzige Chance"

Vince Ebert: "Im Grunde profitieren wir alle vom Kapitalismus."

(Foto: imago stock&people)

Viele Kabarettisten verteufeln den Kapitalismus. Vince Ebert nicht. Der Künstler über Wettbewerb und Kooperation, die Zahnärzte der Unterhaltungsbranche - und Primark.

Von Carolin Gasteiger

Vince Ebert war in der Unternehmensberatung und in der Marktforschung tätig, bevor er sich 1998 ganz dem Kabarett zuwandte. Auf der Bühne will er grundsätzliche Mechanismen und wissenschaftliche Zusammenhänge mit Humor erklären. Auch den Kapitalismus versucht er systematisch zu analysieren - und nimmt damit eine für Kabarettisten untypische Position ein.

Süddeutsche.de: In einem Ihrer Texte fragen Sie sich, warum eigentlich alle denken, der Kapitalismus würde uns zerstören. Haben Sie auf diese Frage schon eine Antwort gefunden?

Vince Ebert: Noch nicht wirklich. Im Grunde profitieren wir alle vom Kapitalismus. Wir leben in einem unfassbar reichen Land, trotzdem verteufeln viele das marktwirtschaftliche System. Vielleicht spielen Selbsthass oder schlechtes Gewissen eine Rolle. Nach dem Motto: Wir leben hier in Saus und Braus und andere auf diesem Planeten im Elend. Aber es ist grotesk, dafür dem Kapitalismus die Schuld zu geben.

Warum?

Der Kapitalismus wird für etwas verteufelt, wofür er gar nichts kann. Wenn man sich ansieht, welchen Ländern es am schlechtesten geht, dann sind das interessanterweise die, in denen freie Marktwirtschaft überhaupt nicht existiert. Da herrscht oft purer Sozialismus, von dem die Menschen bis auf wenige Bonzen kaum profitieren. Dort ist übrigens auch die Schere zwischen Arm und Reich viel größer.

Und am Kapitalismus ist alles wunderbar?

Natürlich nicht. Es herrscht im Kapitalismus Gier, Leute wollen sich bereichern. Es gibt Konkurrenz. Jeder strebt nach maximaler Leistung, das ist ein Antrieb und aus meiner Sicht darf das nicht verteufelt werden. Denn diese Triebfeder macht kreativ; lässt uns nach neuen Wegen suchen, und zwar nicht nur gegeneinander, sondern auch miteinander. Marktwirtschaft funktioniert deshalb, weil es Kooperationen gibt. In der Automobilbranche etwa interagieren viele Zulieferer. Das würde nicht gehen, wenn jeder nur nach dem eigenen Vorteil streben würde. Man geht vernünftig miteinander um, weil man langfristige Beziehungen aufbauen und bessere Geschäfte machen will, auch noch die kommenden 20 Jahre lang. Aber dieses kooperative Element der Marktwirtschaft kommt mir oft zu kurz.

Wenn man zusammenarbeitet, ist doch auch jeder auf seinen Vorteil bedacht.

Aber das Tolle an der Marktwirtschaft ist, dass man kein guter Mensch sein muss, um anderen Leuten etwas Gutes zu tun. Natürlich will der Bäcker nur Handel treiben und sein Geld verdienen. Aber seine Brötchen kommen Menschen auch zugute - dafür muss er selbst kein guter Mensch sein. Ohne Kapitalismus jedoch müssten alle kleinere Brötchen backen.

Können Sie als Kabarettist Kapitalismus oder Kapitalismuskritik besser vermitteln als die Nachrichten?

In meinem letzten Bühnenprogramm "Freiheit ist alles" habe ich in meiner Finalnummer einen echten 50-Euro-Schein verbrannt. Jeden Abend! Damit wollte ich auf plakative Weise zeigen, dass ich damit automatisch Optionen und Möglichkeiten verbrenne. Im Zuschauerraum war es dann mucksmäuschenstill und noch Monate danach haben mich Leute darauf angesprochen.

Als Naturwissenschaftler versuche ich ideologiefrei an Dinge heranzugehen. Mir ist es wichtig, nicht oberflächlich auf Top-Manager oder Banker draufzuhauen, sondern ich versuche grundsätzliche Mechanismen zu verstehen und auch zu vermitteln. Mit Gesetzen von Humor und Emotion klappt das meistens besser. Es macht mir Spaß, an den Weltbildern der Menschen zu kratzen. So ist das Prinzip von Handel eigentlich ganz leicht zu verstehen: Zwei Personen tauschen eine Ware oder eine Dienstleistung und beide haben davon einen Mehrwert. Oder denken es zumindest. Nehmen Sie zum Beispiel die Deutsche Bahn: Da zahle ich ein Ticket für zwei Stunden und bekomme oft sogar noch eine Stunde gratis dazu.

Ein Großteil Ihrer Kollegen steht dem Kapitalismus kritisch gegenüber. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

Mit ideologisch angehauchtem Polit-Kabarett kann ich wenig anfangen. Zumal wir Kabarettisten die großen Gewinner des Kapitalismus sind. Wir sind sozusagen die Zahnärzte der Unterhaltungsbranche. Wir sind selbständig, verdienen sehr gut - und machen unser Geld mit dem Mundwerk. Wenn ich eine Leistung anbiete, also ein Programm, das viele Leute mögen, verdiene ich gut. Wenn sie das nicht tun, verdiene ich weniger gut. Das ist ein ganz marktwirtschaftlich orientiertes System, von dem auch die profitieren, die es kritisieren. Viele meiner Kollegen prangern zurecht ein System an, das aber ja nichts mit Kapitalismus zu tun hat.

Sondern?

Das, was in der Finanzkrise mit den Banken passiert ist, finde ich ebenso verwerflich wie viele andere. Aber das ist nicht dem Kapitalismus oder der freien Marktwirtschaft anzulasten. Eher der staatlich gelenkten Planwirtschaft. Das, was die EZB und die Politik tun, ist paradoxerweise ja das Gegenteil von Kapitalismus. Sie pumpen Geld in ein marodes System und wenn eine Großbank oder ein Großkonzern sich verzocken, werden sie mit Steuergeldern gerettet. Dennoch kriegt man mit den Kampfbegriffen "neoliberal" oder "Turbokapitalismus" immer noch den meisten Applaus im politischen Kabarett.

Manche gehen noch weiter. "Auf dem Grabstein des Kapitalismus wird stehen: Zu viel war nicht genug." Wissen Sie, wer das gesagt hat?

Wahrscheinlich Volker Pispers. Mir geht das natürlich auch auf die Nerven, wenn sich Menschen auf Kosten anderer bereichern und keine Zeche zahlen müssen. Aber nochmal: Die größten Ungerechtigkeiten hinsichtlich finanzieller Bereicherung existieren in Ländern, in denen es um die Marktwirtschaft nicht gut bestellt ist. Werfen Sie dazu einfach mal einen Blick auf den weltweiten Korruptionsindex.

Max Utthoff sagt: "Das Ziel von Satire ist, den Kapitalismus aus den Angeln zu heben."

Das Problem an der Sache ist: Wenn der Kapitalismus aus den Angeln gehoben wird, bleiben nur noch Länder wie Nordkorea, Kuba oder Venezuela übrig. Und dort ist es für uns Kabarettisten eher schwierig. Man darf nicht vergessen: Dort, wo es keine freie Marktwirtschaft gibt, gibt es auch keine freie Meinungsäußerung.

Gibt es denn eine Alternative?

Ich glaube nicht. Man muss sich fragen, in welchem System es den Menschen am besten geht. So gesehen ist es mit dem Kapitalismus so ähnlich wie mit der Demokratie: Beide sind nicht perfekt, aber es gibt nun mal kein besseres System. Der Kapitalismus ist unsere einzige Chance. Dass Geld nicht so wichtig ist, ist zwar eine schöne Vorstellung, aber so ticken wir nicht.

Sie argumentieren fast schon evolutionstheoretisch.

Wie ich in meinem aktuellen Programm zeige, sind Evolution und Marktwirtschaft in der Tat wesensgleich. Sie funktionieren nach dem Prinzip trial & error. Ohne Konkurrenz, Wettbewerb und Kooperation wären wir immer noch primitive Kiemenatmer, die Algen von Höhlenwänden lecken müssten. Und damit meine ich nicht die Teilnehmer vom Dschungelcamp. Fortschritt und Innovation sind immer durch einen Konkurrenzgedanken entstanden. Man kooperiert, aber versucht auch besser als der andere zu werden. Das ist unsere Natur.

Wo ist der Haken?

Naja, es braucht einen fairen Schiedsrichter, der nicht alles durchgehen lässt, sonst gibt es ein Hauen und Stechen. Und ein funktionierender Kapitalismus braucht einen effizienten, starken Staat, der die Grundregeln bestimmt und diejenigen bestraft, die sich gegen diese Regeln stellen.

Dem aktuellen Wohlstandsindex zufolge wird den Menschen finanzielle Sicherheit und eine gesunde Umwelt immer wichtiger. Geld ist nicht alles.

Ab einem bestimmten Wohlstandsniveau geht es den meisten nicht mehr um Gewinnmaximierung, sondern darum, ihrem Leben einen Sinn zu geben. Aus diesem Grund sinkt beispielsweise auch der Grad der Umweltverschmutzung signifikant in Ländern, die ein bestimmtes Durchschnittseinkommen haben. Wer jeden Tag ums Überleben kämpft, hat andere Sorgen.

Gibt es einen besseren Kapitalismus - oder sinnvolle Alternativen?

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Gibt es Auswüchse am Kapitalismus, die Sie ganz persönlich stören?

Auf der einen Seite finde ich es toll, dass wir uns alles leisten können. Aber das hat auch eine verschwenderische Note. Neulich saß ich vor einer Primark-Filiale in Stuttgart. Da kamen Leute mit riesigen Tüten raus. Viele von ihnen kaufen sich ein Kleid oder T-Shirt zum Weggehen und werfen es danach weg - einmal getragen! Das ist für jemanden wie mich, der versucht, nachhaltig zu leben, ein Graus. Es ist zwar gut, dass immer mehr Menschen auf Qualität achten. Aber es gibt eben auch die, die einfach nur konsumieren wollen. Eine Lösung für dieses Dilemma habe ich nicht.

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