Interview mit Sylvester Stallone "Ich war ein Idiot."

Stallone: Heute? Ja! Verwirrte Kids - und eine komplett fallengelassene Generation von Alten. Explosiv. Die Familien in Amerika, in der Mittel- und Unterschicht, sie verwahrlosen. Emotional!

SZ: Ein großes Thema. Ganz Deutschland diskutiert darüber.

Stallone: Da macht ihr 'was richtig. In Amerika diskutieren wir auch darüber. Aber wie? Viele Fundamentalisten. Die haben eigene Interessen, verstehen Sie?

SZ: Ein religiöses Problem?

Stallone: Ja. Ich nehm' keinem seinen Glauben. Aber bei uns schreien die Leute sich an, statt drüber zu reden. Durchgedreht.

SZ: Wenn Sie es so sehen, muss es wahr sein. Es gibt, glaube ich, kein Instinktwesen in Hollywood über Ihnen!

. . .

SZ: Mister Stallone?

Stallone: Ich überlege gerade, ob Sie mir ein Kompliment machen wollten. Oder ob das eine etwas doppeldeutige . . .

SZ: . . . ein Kompliment. Sie erzählen von dieser Einsamkeit in Ihrem Film wie ein Autorenfilmer, klar und nüchtern - und mitunter sogar auch sehr komisch.

Stallone: Ich bin Autorenfilmer. Alte europäische Schule. Ha! Oder? Meine Filme, meine Scripts, meine Regie. Es geht um das back to basics, um Geschichten, die 'was übers Land erzählen, über einen Typen, der in diesem Land lebt. Ich brauche nur einen Ausschnitt. Wie ein Künstler, der mit ein paar Strichen eine tiefe Erzählung auf die Leinwand bringt.

SZ: Sie malen selbst - und sammeln.

Stallone: Richtig. Aber jetzt schweifen wir ab.

SZ: Egal.

Stallone: Ich liebe die Bilder von Gerhard Richter, er ist der wunderbarste Maler, den wir im Moment haben. Er ist Deutscher, oder? Seien Sie stolz auf ihn!

SZ: Stimmt es, dass sich ein Bild von Anselm Kiefer in Ihrem Haus, nun ja: dematerialisierte?

Stallone: Ich habe dafür 1,7 Millionen Dollar bezahlt! Es war Stroh drauf. Kiefer hat das Stroh mit Klebstoff befestigt. Zu Hause denke ich: Scheiße, was liegt da unterm Bild? Stroh. Jeden Tag ein neuer Halm. Ich rufe den Händler an und sage: ,,Der Kiefer haart.'' Sagt der Händler: ,,Mister Stallone, das muss so sein, das Bild geht durch eine Entwicklung, das Bild lebt.'' Ich dachte, ich werd' verrückt. 1,7 Millionen Dollar!

SZ: Und dann?

Stallone: Ich hab' die Halme wieder drangeklebt.

SZ: Nicht wahr.

Stallone: Doch. Jeden Tag lag ein Halm unten, ich hin, Klebstoff, Halm wieder dran. Ich habs' nicht eingesehen.

SZ: Eine Co-Produktion von Anselm Kiefer und Sylvester Stallone.

Stallone: So ungefähr. Das Bild ist aber verkauft.

SZ: Sie wollten kein Stroh mehr . . .

Stallone: Oh, ich habe das Bild geliebt, ein überwältigendes Bild. Aber eben auch sehr groß. Es ging über eine ganze Wand. Und es war so absolut finster. Meine Frau fand, die Kinder könnten depressiv werden. Ich wünschte später, ich hätte es noch ein paar Jahre behalten. Was eure Maler inzwischen an Wert zugelegt haben!

SZ: Sie sprachen von der Essenz. Was ist die Essenz in Rocky VI''?

Stallone: Es geht - wenn wir uns selbst finden wollen - nur auf dem Weg über einen anderen Menschen: Es geht nur in der liebenden Spiegelung. In beiden "Rocky"-Filmen, im ersten wie jetzt im letzten, steht der Kampf am Ende des Films als Motor für alles: "It's not over until it's over." Rocky Balboa lernt nun 30 Jahre später, dass das Leben die Hölle sein kann, dass es deswegen aber noch nicht vorbei ist. Vorbei ist's ja erst, wenn es vorbei ist. Und die Geschichte ist auch jetzt: eine Liebesgeschichte!

SZ: Und waren aber vielleicht einige Ihrer Werke nach den ersten "Rocky"- und "Rambo"-Filmen unter Ihrer Würde?

Stallone: Oh, Sie wollten drauf zurückkommen . . .

SZ: Sie haben in den Sequels von "Rocky" und "Rambo" Vietnamesen, Afghanen und Russen vermöbelt wie kein Zweiter. Mal ehrlich, war das alles ein wenig . . .

Stallone: Dumm?

SZ: Yep.

Stallone: Seien Sie nicht so schüchtern!

SZ: Das heißt?

Stallone: Diese Filme waren nicht dumm. Sie waren eher wohl saudumm, oder?

SZ: Sind sie Ihnen peinlich?

Stallone: Nein. Sie gehören zu meinem Leben. Ich habe ein Vermögen damit verdient. Aber würde ich sie nochmal machen? Nein.

SZ: Aber wie konnte ein junger Stilgott, der mit dem ersten "Rocky"-Film von der Kritik gefeiert wird, einen "Oscar" gewinnt und Hunderte Millionen Dollar verdient, so tief sinken und so bedenklich plumpe Filme drehen?

Stallone: Eitelkeit natürlich. Größenwahn. Ich bin verrückt geworden. Weißer Anzug. Mercedes mit drinnen Doppelbett und Mikrowelle. Solche Sachen. Meine Karriere war mir nicht in die Wiege gelegt worden, verstehen Sie?

SZ: Sie kommen, wie man so sagt, aus sehr einfachen Verhältnissen.

Stallone: Allerdings, mein Lieber. Und ich hab' nichts gegen Leute wie Sie, die mir sagen: Mann, Stallone, was für ein Müll! Stimmt ja alles. Nur: Ich bin gaga geworden. Ich treff' in Los Angeles täglich junge Hunde wie ich damals einer war, unerfahren, aber vom Schicksal hochkatapultiert.

SZ: Geben Sie den jungen Hunden Tipps?

Stallone: Keine weißen Anzüge!

SZ: Und der ganze Rest.

Stallone: Eben. Bleibt auf'm Boden! Sucht euch die richtige Frau! Sonst schepperts eines Tages gewaltig, und zwar oben im Hirnkasten. Als der Erfolg kam, dachte ich: Es ist jetzt mal gut mit den einfachen Geschichten über die einfachen Leute. Ich hab' mich dann selbst verraten. Ich wollte Rocky Balboa und John Rambo in eine Cartoonwelt schicken. Das ist mir gelungen. Aber der Preis war hoch.

SZ: Wann haben Sie's gemerkt?

Stallone: Als Reagan das "Rambo"-Plakat hoch hielt und rief: ,,So wie der hier, so müssen wir Amerikaner das Ding in Libyen erledigen!'' Ich saß vorm Fernseher und dachte: heilige Scheiße.

SZ: Sie haben die Ideologie Reagans doch nicht ohne Absicht bedient.

Stallone: Ich glaube, dass es sich dabei um ein Missverständnis handelt.

SZ: Inwiefern?

Stallone: Schauen Sie, diese Filme, sie waren in gewisser Hinsicht: Cartoons. Wie ,,Tom & Jerry''. Ich war die Maus, die Russen war'n die Katze.

SZ: Naja, selber schuld, oder?

Stallone: Aber natürlich. Die Schuld habe ich zu tragen. Ich habe vernachlässigt, was ein Filmemacher und Schauspieler niemals vernachlässigen sollte: gute Geschichten über Menschen zu erzählen, über ihre Hoffnungen, ihre Sorgen, ihre Komik, über Ihre gottverdammte Würde. Gute, spannende Filme. Und auch Actionfilme können Würde atmen, oder?