"Venom" im Kino Der große, böse Bruder von Spider-Man

Einfach mal zupacken, das wünscht sich wohl jeder Investigativjournalist - der Held in seiner Venom-Gestalt.

(Foto: Verleih)

In der Comic-Verfilmung "Venom" verwandelt sich der große Schauspieler Tom Hardy in einen ambivalenten Antihelden, der mit seiner Wut auf die Verhältnisse den Nerv der Zeit trifft.

Von Anke Sterneborg

Die Zeiten sind hart, da können in einem ehrlichen Reporter schon mal dunkle Kräfte wüten. Als Fake News und Lügenpresse muss man sich beschimpfen lassen, den schmutzigen Machenschaften von Politikern und Konzernen oft machtlos zusehen, und die Bezahlung wird auch nicht besser.

Da trifft es sich ganz gut, dass Investigativjournalist Eddie Brock (Tom Hardy) bei seiner neuesten Recherche ungeplant mit einer außerirdischen Lebensform in Berührung kommt - und bald seltsame neue Kräfte in sich spürt. "So übel ist diese Macht in mir gar nicht", stellt er fest. Endlich kann er seinen Überzeugungen ausreichend Nachdruck verleihen, auch wenn er dabei nicht immer Herr der Lage ist. Das mächtige symbiotische Wesen Venom, das von ihm Besitz ergriffen hat, folgt manchmal eigenen Plänen - und hat ziemlich ungehobelte Umgangsformen.

Es bereitet ungeheures Vergnügen, einem Ausnahmeschauspieler wie Tom Hardy dabei zuzuschauen, wie er die neuen Fähigkeiten seines Körpers entdeckt, die physische Wucht, die rasanten Reflexe, die Selbstheilungskräfte; wie er von ihnen mitgerissen wird, sie zunehmend aber auch zu kontrollieren lernt, zwischen Körperhorror und Körperkomödie. Und Mad-Scientist-Mogul Drake (Riz Ahmed) möchte das mächtige Ding, das aus seinem Geheimlabor auf Eddie übergesprungen ist,natürlich wiederhaben.

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Venom ist der große, böse Bruder von Spider-Man, dessen Gegenspieler er in den Marvel Comics ist, und in Sam Raimis "Spider-Man 3", wo er von Topher Grace eher gespielt als verkörpert wurde und noch ein recht blasses Bürschchen war. Sony hat ihm jetzt einen ersten Solo-Film geschenkt, im Geiste der Marvel-Eigenproduktionen und ihren subversiv charmanten Superhelden-Misfits, den Guardians of the Galaxy, Ant Man oder Deadpool.

Für diesen Tonfall ist Regisseur Ruben Fleischer genau der richtige Mann. Nachdem er in "Zombieland" bereits dem Umgang mit den Untoten einen irren Twist gab, verschmilzt er hier rasante Action mit schwarzer Komödie, Science-Fiction mit Romanze. Im Innern dieses Superhelden-Blockbusters schlägt das Herz einer Horror-Science-Fiction-Geschichte, wie sie David Cronenberg oder John Carpenter in den Achtzigerjahren erzählt haben.

Wo beim Pressefotografen Peter Parker der Biss der Laborspinne die guten Eigenschaften verstärkt, bringt der Parasit aus dem All bei Eddie die dunklen Kräfte hervor, die aufgestaute Wut, die notdürftig gezügelten Aggressionen. Andere haben die Begegnung mit der hochelastischen Masse, die großflächig in den menschlichen Körper eindringt, nicht überlebt. Da muss schon einer wie Eddie kommen, um dem seltsamen Wesen Paroli zu bieten. Erst mit ihm entwickelt sich das Jekyll-und-Hyde-Spiel zwischen zwei ebenbürtigen Figuren, eine Doppelnatur, in der nie einer allein die Oberhand gewinnt.

Wie eine zweite Haut legt sich Venoms glänzend schwarze Muskelmasse über das Gesicht und den Körper von Brock, nur um im nächsten Moment durch seine Willenskraft wieder verdrängt zu werden. Dieses ständige Ringen um Vorherrschaft materialisiert sich nicht nur auf der Bildebene in beeindruckenden Computereffekten, sondern auch auf der Tonspur, in schlagfertigen Kabbeleien der inneren Stimmen, mit denen sich Venom und Brock gegenseitig infiltrieren. Dass Brock ihn als Parasiten bezeichnet, gefällt Venom gar nicht, dass sein Wirtsmensch lieber den Aufzug nimmt, statt einfach an der Außenfassade herunterzuklettern, quittiert er mit einem knappen "Weichei". Und wenn Brock seine Gefühle für seine schneidigen Ex-Freundin (Michelle Williams) überspielen will, ermuntert Venom ihn zum offenen Flirt.

Umgekehrt wird aber auch der Außerirdische von den menschlichen Werten verführt und schlägt sich im finalen Kampf um die Zukunft der Erde auf die Seite der Menschen. Im Grunde ist "Venom" vor allem ein Buddy Movie, in dem sich zwei gegensätzliche Charaktere auf engstem Raum zusammenraufen müssen - und enger als ein einziger Körper geht es wohl kaum. Trotz vieler missmutiger Kritiken ist der Film weltweit am ersten Wochenende äußerst erfolgreich gestartet. Offensichtlich trifft der ambivalente Antiheld mit seiner Wut auf die Verhältnisse einen Nerv der Zeit.

Venom, USA 2018 - Regie: Ruben Fleischer. Buch: Jeff Pinkner, Scott Rosenberg, Kelly Marcel. Kamera: Matthew Libatique. Schnitt: Alan Baumgarten, Maryann Brandon. Mit: Tom Hardy, Michelle Williams, Riz Ahmed, Reid Scott, Jenny Slate, Woody Harrelson. Verleih: Sony Pictures Germany, 112 Minuten.

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