"Interstellar" im Kino Anders als alles andere im Weltraumgenre

Ein Ausflug auf einen Planeten mit extremer Gravitation dauert für die Teilnehmer selbst zum Beispiel nur wenige Stunden - für den Mann aus der Crew, der auf dem Mutterschiff zurückbleiben muss, vergehen aber nicht weniger als 23 Jahre. Was eben so passiert, wenn man die Streckung und Kontraktion der Zeit, wie sie Einstein theoretisch beschrieben hat, einmal in der Praxis durchspielt.

Das Gesicht, das der Zurückgelassene macht, als die anderen von ihrem Kurztrip wiederkommen, ist ziemlich unbeschreiblich - und kann doch nicht annähernd die Hölle jener Einsamkeit skizzieren, die er in der Zwischenzeit durchlitten haben muss. Aber Nolan versucht es wenigstens - und darin unterscheidet sich sein Film von fast allem, was das Weltraumgenre bisher hervorgebracht hat.

Was ein Genie so redet

Chistopher Nolan ist noch nicht 40 und schon einer der erfolgreichsten Regisseure in Hollywood. Nun kommt seiner neuer Film "Inception" ins Kino und wie immer kämpfen die Figuren gegen den Wahnsinn, der sich in ihrem Inneren abspielt. Ein Besuch. Roland Huschke mehr ...

Je länger die Reise dauert, desto klarer wird, dass es eigentlich um diese Momente der Emotion geht - dafür opfert Nolan am Ende sogar die wissenschaftlichen Fakten. Einmal hält die Astronautin Amelia zum Beispiel ein leidenschaftliches Plädoyer für Liebe und Intuition, während Cooper kühl auf mathematischen Wahrscheinlichkeiten beharrt. Bei der schicksalhaften Entscheidung, wie die Reise weitergehen soll, setzt sich seine männliche Perspektive durch - aber leider völlig zu Unrecht, wie sich zeigen wird.

Auch das letzte Rätsel lösen

Auch für Coopers Tochter, die auf der Erde zurückgeblieben ist, läuft die Zeit weit schneller ab als für ihren Vater - in ihren Videobotschaften tritt sie ihm schließlich als erwachsene Frau (gespielt von Jessica Chastain) gegenüber. Die Kommunikation in die Gegenrichtung aber funktioniert erst, als im Chaos der Raumzeitverwicklungen eine quasi-spirituelle Verbindung geknüpft ist, die alle Welten und Galaxien durchschneidet. Genau darin könnte die letzte Hoffnung der Menschheit liegen . . .

Die logischen Wurmlöcher, die zum Ende hin auch den Plot von "Interstellar" durchziehen, verzeiht man einem Film von dieser Entschlossenheit gern. Störend ist allerdings ein anderer Impuls aus unserer zaghaften Gegenwart - der finale Drang, kein Ende der Geschichte lose zu lassen, auch das letzte Rätsel in einer Weise aufzulösen, dass sich kein Kinozuschauer verwirrt am Kopf kratzen muss.

Früher erkannte man große Filmemacher daran, dass ihnen solch erzählerische Bürokratie egal war, oder dass sie die Macht hatten, sie einfach zu ignorieren. Stanley Kubrick zum Beispiel: Der setzte mit dem Rätselende von "2001" ein Ding in die Welt, das zu einem zentralen Kopfkratzproblem der Filmgeschichte avancierte. Die Freiheit und Größe, die dafür seinerzeit nötig waren, erscheinen im Rückblick immer gewaltiger.

Wenn nämlich Christopher Nolan, einer der klügsten und mächtigsten Filmemacher des Augenblicks, solche Freiheit und Größe nicht mehr hat - dann ist auch die Frage beantwortet, ob es in der Gegenwart noch ein Wurmloch gibt, das Anschluss an jene ferne Galaxie erlaubt, wo die Götter der Filmgeschichte inzwischen wohnen.

Interstellar, USA 2014 - Regie: Christopher Nolan. Buch: Jonathan & Christopher Nolan. Kamera: Hoyte van Hoytema. Musik: Hans Zimmer. Mit Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Jessica Chastain, Sir Michael Caine, Wes Bentley, John Lithgow, Casey Affleck. Verleih: Warner, 169 Minuten.

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