Im Kino: "Naokos Lächeln" Gefrorene Gefühle

Heiliger Ernst jugendlicher Leidenschaft, unbedingte Sehnsucht nach einer Nur-du-und-für-immer-Liebe: In der Verfilmung des Kultromans "Naokos Lächeln" paart sich ein tragischer Grundakkord mit der verborgenen Schönheit japanischer Höflichkeit.

Von Rainer Gansera

"Nur eine Liebesgeschichte" untertitelt Haruki Murakami seinen Roman "Naokos Lächeln" von 1987. Das "nur" klingt nach bescheidener Zurücknahme, muss aber als Bekenntnis gelesen werden. Bekenntnis zum heiligen Ernst jugendlicher Leidenschaft, zur unbedingten Sehnsucht nach einer Nur-du-und-für-immer-Liebe. Ein Bekenntnis, das der Regisseur Tran Anh Hung in seiner meisterlichen Verfilmung des Romans kühn radikalisiert und intensiviert.

Nur die Liebesgeschichte zählt, jedes Bild ist sinnliche Verdichtung der Gefühle. Alles andere bleibt Kulisse: die Zeit der Studentenrevolte Ende der sechziger Jahre in Tokyo, das soziale Leben an der Uni, im Studentenwohnheim, in der Nervenheilanstalt mit "Zauberberg"-Atmosphäre. Der in Paris lebende Vietnamese Tran Anh Hung ("Der Duft der grünen Papaya") entfaltet "Naokos Lächeln" als Elegie und Poem, hingegeben an dunkle Eruptionen der Verzweiflung, fasziniert von einem tragisch imprägnierten Eros.

Der Roman, der rasch zum Bestseller und "Kultphänomen" avancierte, beginnt damit, dass sich der 37-jährige Ich-Erzähler, Toru Watanabe, an seine Studentenzeit erinnert, als er mit dem Flugzeug in Hamburg landet und aus den Kabinenlautsprechen der Beatles-Song "Norwegian Wood" (so der Originaltitel des Romans) ertönt: "Wie immer ließ diese Melodie mich erschauern, nur diesmal heftiger denn je." Der Film verzichtet auf den Prolog, verpflichtet sich aber mit jeder Szene einer Erinnerungsintensität, die erschauern lässt.

Das große Trauma: ein Selbstmord, der ein idyllisches Freundschafts-Dreieck sprengt. Der 17-jährige Kizuki liebt Naoko (Rinko Kikuchi) und ist mit Toru (Kenichi Matsuyama) eng befreundet. Die drei treiben unbekümmert durch das Ende ihrer Schulzeit - bis sich Kizuki aus unerfindlichen Gründen das Leben nimmt. Zwei Jahre später studiert Toru in Tokio Literatur. Während der Lärm der Studentendemonstrationen in den Straßen widerhallt, vergräbt er sich hinter Büchern, erfährt unter der Obhut eines dandyhaften Mitstudenten eine drastische éducation sentimentale und begegnet plötzlich Naoko wieder.

Das Trauma von Kizukis Selbstmord lähmt die beiden und verleiht dem Miteinander doch düstere Grandiosität. Sie schlafen miteinander, Naoko verfällt in tiefe Depressionen und wird in eine Nervenheilanstalt eingeliefert. Gleichzeitig lernt Toru Midori (Kiko Mazuhara) kennen: eine kokette, dem Leben zugewandte Studentin, Gegenbild zu Naoko, der in eisiger Schneelandschaft die Gefühle gefrieren.

Eigentümlicher Zauber

Der eigentümliche Zauber dieser Liebesgeschichte entspringt nicht nur dem tragischen Grundakkord, nicht nur der mächtigen Anrufung von Landschaftsbildern der Sehnsucht, sondern vor allem den Umgangsformen, die noch in intimsten Augenblicken der erotischen Begegnung - und jede Begegnung ist erotisch hoch aufgeladen - von ritualisierter Höflichkeit geprägt sind. Im Westen betrachtet man Höflichkeit als äußere Hülle, hinter der sich die wahre, innere Person verbirgt. Hier aber schenkt sie jeder Regung Schönheit. Tran Anh Hung: "Das wollte ich: die verborgene Schönheit dieser japanischen Höflichkeit zum Vorschein bringen".

NORUWEI NO MORI - NORWEGIAN WOOD, Japan 2010 - Buch und Regie: Tran Anh Hung, nach dem gleichnamigen Roman von Haruki Murakami. Kamera: Mark Li Ping Bing. Musik: Jonny Greenwood. Mit: Kenichi Matsuyama, Rinko Kikuchi, Kiko Mizuhara, Reika Kirishima. Pandora, 133 Minuten.