"Hannah Arendt" im Kino Gedanken im Brennspiegel

Sie prägte das Wort von der "Banalität des Bösen": Hannah Arendt, im gleichnamigen Film gespielt von Barbara Sukowa.

(Foto: dpa)

Der Dialog ist die Action: Margarethe von Trottas neuer Film "Hannah Arendt" mit Barbara Sukowa ist wortlastig - und trotzdem dramatisch. Einwände, die man immer wieder vorbringen möchte, verflüchtigen sich.

Von Rainer Gansera

Hannah Arendt war eine der großen Frauen dieses Jahrhunderts: die Tochter hochgebildeter deutsch-jüdischer Eltern; Erbin einer langen geistigen und ästhetischen Tradition, die zurückgeht bis auf die Griechen; Beobachter und Schilderer ihrer modernen Auflösung . . . eine magnetisch schöne Frau." So beginnt 1976, ein Jahr nach Hannah Arendts Tod, der Philosoph Hans Jonas sein Portrait der noch heute maßgeblichen politischen Theoretikerin, die das Wort von der "Banalität des Bösen" prägte. Philosophie studierend lernten sich Jonas und Arendt 1924 in Marburg kennen, in Martin Heideggers Seminaren. Ihre Freundschaft bewährte sich jahrzehntelang und zerbrach jäh im Streit um Arendts Bericht vom Eichmann-Prozess 1961 in Jerusalem.

Margarethe von Trottas knapp zweistündiges Biopic konzentriert sich auf dieJahre um 1961, als dieser Bericht publiziert wurde - zuerst als Artikelserie im New Yorker, dann als Buch - und sogleich einen Sturm entrüsteter, feindseliger Reaktionen auslöste: persönliche Diffamierungen der als "inkompetent" hingestellten Autorin, Morddrohungen, Hetzkampagnen jüdischer Organisationen, aber auch, was sie tief verletzte, die Abwendung enger Freunde wie Kurt Blumenfeld und Jonas. Im öffentlichen Wirken Hannah Arendts sicherlich das dramatischste Ereignis.

Im Œuvre Margarethe von Trottas ist "Hannah Arendt" das packendste Frauenportrait. Sowohl Person wie Denken werden gleichermaßen sichtbar gemacht: Faszination einer Denkerin, die unbeirrbar an ihren Wahrnehmungen und Erfahrungen festhält, um sie im Bild einer von Terror und totalitärer Herrschaft charakterisierten Epoche zu deuten. Wenn Margarethe von Trotta sagt: "Und wieder hat mich die Frau interessiert, die sich hinter der unabhängigen Denkerin verbirgt", muss man ihr widersprechen, was das Verbergen betrifft: "Hannah Arendt" kann so bewegend gelingen, weil sich die Frau rückhaltlos in der Denkerin offenbart.

Ein Pathos, das Arendt ausdrücklich mied

Das Portrait überzeugt und ergreift, obwohl man immer wieder Einwände gegen die mise en scène vorbringen möchte: gegen den bisweilen hölzernen Didaktik-Stil, gegen eine Kombination von Archivaufnahmen vom Eichmann-Prozess und arrangierten Spielszenen, die das Inszenierte kraftlos erscheinen lassen muss. Es irritiert, dass Barbara Sukowa in der Titelrolle keine äußere Ähnlichkeit mit Hannah Arendt hat, und irritierender noch ist es, dass Frau Sukowa in bedeutsamen Momenten ein deklamatorisches Pathos pflegt, das Hannah Arendt ausdrücklich mied.

Oder Heidegger (Klaus Pohl): Warum muss er so blass und beinahe karikaturhaft gezeichnet werden? Wenn in Rückblenden die leidenschaftliche Affäre zwischen der Studentin und ihrem siebzehn Jahre älteren, verheirateten titulierten Professor erinnert wird, lässt Margarethe von Trotta eine Diskretion walten, die zuerst löblich erscheint, die dann aber die Figur Heideggers derart ausdünnt, dass er - als Denker wie als Liebhaber - jegliche Anziehungskraft vermissen lässt.