Gesellschaft Mörder und Monster

Spektakuläre Fälle wie die um Dominik Brunner, Loveparade und Jörg Kachelmann zeigen: Die Öffentlichkeit reagiert zunächst impulsiv wie ein junger Schläger. Doch sie ist auch lernfähig: Durch ihre Debatten entsteht Rechtsbewusstsein.

Von Andreas Zielcke

Wer die öffentliche Meinung nicht zu verachten versteht, wird es nie zu Großem bringen. So sprach Hegel, und so wollen es bis heute alle Zyniker des öffentlichen Palavers wissen. Und doch ist selbst den rabiatesten unter ihnen klar, dass sie weit über das Ziel hinausschießen. Wäre es wirklich so miserabel um die Öffentlichkeit bestellt, würde uns der ganze politische Laden und auch der ökonomische längst um die Ohren fliegen.

Das Geheimnis der modernen Gesellschaft ist ja, wie sie es schafft, nicht auf der Stelle ins Chaos zu stürzen. "Entgegen alle Wahrscheinlichkeit funktioniert sie" (Niklas Luhmann), ja sie funktioniert auf einem außerordentlich hohen Grad von Komplexität, und das ohne zentrale Steuerung. Auch die politischen Instanzen stellen bekanntlich dieses alles überschauende und lenkende Gehirn nicht dar. Der Markt, die soziale Arbeitsteilung, die zentrifugalen Teilsysteme der Gesellschaft und natürlich die Anarchie der privaten Lebenswelten - jedes Element ist so unregierbar wie das andere, keines wird von einem dirigierenden Staat auf Vordermann gebracht.

So krisengeschüttelt die Gesellschaft auch ist, balanciert sie doch einen Zustand "vitaler Normalität" aus. Offensichtlich integriert sie sich über sozial-elektrische Feldlinien, die durch Millionen tägliche Kommunikations- und Bewertungsakte erzeugt werden. Alle sozialen Teilchen sind in der Schwebe, und dennoch kommt im Ergebnis ein erstaunlich stabiles und zugleich flexibles Kraftfeld innerer Bindung und Geistesverwandtschaften heraus.

Wie finden wir Egoisten einen gemeinsamen Nenner?

Nun gehört es zwar zum festen Inventar der Zeitkritik, dass diese innere Bindung nachlasse und die individualistische Gesellschaft mehr und mehr zerfalle. Das ist diskutabel, aber interessanter ist der Blick von der anderen Seite her: Wie bringt es selbst diese Gesellschaft der Egoisten zustande, sich über gemeinsame Normen zu verständigen?

Ein Lehrbeispiel dafür bietet die aktuelle öffentliche Diskussion um spektakuläre Straftaten, vor allem um die Toten in Duisburg, um die Tötung des Dominik Brunner in München-Solln, um den Vorwurf der Vergewaltigung gegenüber Jörg Kachelmann. Ein Lehrbeispiel deshalb, weil die Debatten zeigen, wie sich öffentliches Rechtsbewusstsein bildet, wie es provoziert wird, wie es dazulernt - aber auch, wo seine Schwächen liegen.

"Vor Gericht müssen die Gesetze sprechen, und der Herrscher muss schweigen", verkündete Friedrich der Große. Solange es um den Monarchen oder auch um die Regierung in einem Rechtsstaat mit seiner Gewaltenteilung geht, gilt dies mit gutem Grund. Der wahre Herrscher in einer Demokratie aber, der Souverän, lässt sich nicht das Wort verbieten. Bevor die offiziellen Ermittlungen in sensationellen Fällen beginnen, setzt der öffentliche Diskurs ein, schwillt in der Zeit der Gerichtsverhandlung erst recht an und hört nach dem Urteil selten auf.

Das Gericht fällt sein Urteil am Ende des Prozesses, die Öffentlichkeit am Anfang

So wird auf der großen Bühne parallel verhandelt. Man ist zwar auf die Ergebnisse der amtlichen Ermittler angewiesen, aber die Meinungsbildung folgt ihrer eigenen Logik. Insbesondere bei der Gewalttat gegen Brunner zeigt sich ein typisches Muster des öffentlichen Räsonnements über Verbrechen und Strafen.

Während das Gericht sein Urteil am Ende des Prozesses fällt, halten es große Teile der Öffentlichkeit umgekehrt. Sie steigen gleich zu Beginn mit Aplomb ein und urteilen impulsiv aus dem Stand. Im Nu waren die beiden jungen Täter "Mörder" und Monster. Erst danach setzten die Wahrheitsfindung und sachliche Differenzierung ein. Deren bisheriges Ergebnis kann sich allerdings sehen lassen.