Frankreich Das Untergrundkino von Paris

Kein Horror-Film, sondern die Realität: Menschliche Überreste in den Katakomben von Paris.

(Foto: Patrick Kovarik/AFP)

In den Katakomben von Paris, wo Gebeine von Millionen Menschen liegen, entdeckte die Polizei 2004 einen Kinosaal. Es war das Werk einer anonym agierenden Kunst-Guerilla.

Von Sofia Glasl

Undergroundfilm ist Gegenkino. Es findet abseits vom Mainstream und dessen kapitalistischen Produktionsformen statt, mit minimalstem Budget und maximaler künstlerischer Freiheit. Doch was die Pariser Polizei 2004 in einem stillgelegten Tunnelsystem unter dem 16. Arrondissement fand, nahm den Begriff beim Wort: Bei einem Trainingseinsatz unter dem Palais de Chaillot nahe beim Eiffelturm entdeckte sie einen komplett eingerichteten Kinosaal, etwa 500 Quadratmeter groß, mit Restaurant und Bar.

Alles ans oberirdische Strom- und Telefonnetz angeschlossen und betriebsbereit. Ein Untergrund-Kino im Wortsinne. Die Betreiber hatten sogar eine Überwachungskamera im Eingangsbereich installiert und sobald sich Unbefugte näherten, löste eine unsichtbare Schranke Hundegebell vom Band aus.

Schächte, Gänge und Höhlen - insgesamt etwa 300 Kilometer

Als ein paar Tage später eine Spezialeinheit wiederkehrte, um das so geheime wie illegale Etablissement genauer zu untersuchen, war alles ausgeräumt und die Drähte waren gekappt. Nur ein Zettel, "Sucht nicht nach uns", lag bereit. Was hatte es mit diesem Kino auf sich, auf das die Polizei nur zufällig stieß?

Die Schächte, Gänge und Höhlen unter Paris belaufen sich insgesamt auf rund 300 Kilometer, ein beträchtlicher Teil des Zentrums ist also untertunnelt. Öffentlich zugänglich ist nur ein etwa zwei Kilometer langer Abschnitt, die Katakomben von Paris - ein Beinhaus aus dem 18. Jahrhundert, bekannt für seine mit Knochen und Schädeln ausgekleideten Gewölbe.

Das mittlerweile zur Touristenattraktion avancierte Mausoleum entstand aus der Not: Paris liegt zu großen Teilen über ehemaligen Steinbrüchen, in denen der weiße Kalkstein für die typischen Pariser Häuser seit jeher abgebaut wurde. 1772 sackten erste Straßenzüge ab, die unterirdischen, meist nicht kartografierten Gewölbe hielten dem Gebäudedruck nicht mehr stand. Zudem waren durch die schneller wachsende Bevölkerung alle Friedhöfe zum Bersten voll. So drückten die Leichenmassen im Cimetière des Innocents im 1. Arrondissement eine anliegende Kellermauer ein. Etwa zwei Millionen Verstorbene waren dort begraben.

1780 lag das Niveau des Gräberfeldes zweienhalb Meter über dem umliegenden Gebiet. Zu einem regelrechten Berg aufgeschichtet konnten die Leichen nicht richtig verwesen. Was wie die Sequenz aus einem Horrorfilm klingt, wuchs sich zum unbezwingbaren Hygieneproblem aus. In den umliegenden Straßen kamen angeblich Menschen wegen der Faulgase vom Friedhof ums Leben.

Der Friedhof wurde 1780 endgültig geschlossen und die Gebeine von 1786 an in die Katakomben verlegt und damit zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Die Knochen stützten das Gewölbe und verschwanden von der Oberfläche, mit ihnen die infektiöse Wolke. Ein Viktualienmarkt eröffnete, auch heute ist hier noch das Quartier des Halles.

Weitere Friedhöfe wurden aufgelöst und die Knochen von rund sechs Millionen Toten in das neue Ossarium umgebettet. Grabsteine, Schädel und Knochen wurden in Ornamenten angeordnet und das Mausoleum nach und nach für Besichtigungen geöffnet. Heute ist der Zugang nur mit Führer möglich wegen der Gefahr falsch abzubiegen und sich in den einsturzgefährdeten Labyrinthen zu verlaufen. 2017 konnten zwei Jugendliche erst nach drei Tagen von Suchhunden gefunden werden. Für Unerschrockene bot das Online-Portal Airbnb 2015 als makabren Werbegag eine Übernachtung in den Katakomben an - inklusive Privatkonzert und Gutenachtgeschichte.

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Es gibt aber auch eine Bewegung von sogenannten Kataphilen, also Katakombenliebhabern, die sich regelmäßig in die nicht öffentlichen Teile des Untergrundes wagen und diese erforschen. Eine bekannte Kulturguerilla-Truppe nennt sich "Urban eXperiment", kurz "Les UX", und hat sich in verschiedene Abteilungen untergliedert. Da gibt es "La Mexicaine de Perforation", die Film-Guerillas, aber auch die "Untergunther", die von Behörden vernachlässigte Restaurierungen an Kultureinrichtungen übernehmen wollen.

So etwa 2005, als sie in mehrwöchiger Geheimaktion das Uhrwerk des Pantheon reparierten, das seit über 40 Jahren defekt war. Les UX wurden daraufhin vom Leiter der Konservationsabteilung des Pantheon verklagt, jedoch wurde die Klage nach nur zwanzig Minuten Verhandlung abgewiesen, da kein Schaden entstanden war. Mit dieser Aktion gerieten die UX ins Visier der Medien und erkoren nun Lazar Kunstmann zum offiziellen Sprecher, damit die anderen "urban explorers" bis heute anonym bleiben konnten.

Eine Art gentlemen's agreement mit der Polizei

Die Entdeckung des Katakombenkinos, der "Arènes de Chaillot", war für die Guerilla ein Ärgernis, da es sich doch als Gegenkino verstand. Bei seiner Aushebung lag es nämlich noch unweit des damaligen Standortes der Cinémathèque française, die erst 2005 vom Palais de Chaillot in die aktuellen Räume im 12. Arrondissement umzog.

In einem Interview mit dem Blog greg.org erläuterte Kunstmann das Programm, das bewusst als Gegenentwurf zu den in der Cinémathèque gezeigten Klassikern gedacht war: Zukunftsdystopien wie Terry Gilliams "Brazil" oder Mamoru Oshiis "Ghost in the Shell" sowie Filme, die in Bunkern oder U-Bahnschächten spielen.

Doch räumten die Kataphilen ein, dass die unterirdische Welt so weitläufig sei, dass es immer neue Chancen für Kunstprojekte, Partys und Kulturrettungsaktionen geben wird. Mit der seit 1955 zum Schutz des Beinhauses eingesetzten Polizeispezialeinheit, die regelmäßig durch die Katakomben patrouilliert, haben die UX inzwischen eine Art gentlemen's agreement - solange sie nichts zerstören, lässt man sie gewähren.

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