Fotografie: Joel Sternfeld Amerika auf der Spur

Brennende Häuser, Orte, an denen Menschen ermordet wurden - und zerstörte Würde inmitten Industrieparks und Superhighways: Fotograf Joel Sternfeld tastet die US-Nation seit drei Jahrzehnten mit seinen Bildern ab und ist demnächst mit einer großen Retrospektive bei uns zu sehen. Ein Besuch in New York.

Von Jörg Häntzschel

Joel Sternfeld hatte sich einen alten VW-Bus gekauft, in dem er schlafen konnte. Er hatte eine Plattform aufs Dach montiert, auf der er sein Stativ aufstellen konnte, weil Ansel Adams es auch so gemacht hatte. Er hatte sogar einen Safe für seine neue, teure 8x10-Zoll-Kamera eingebaut und mit ihr einen Sommer lang Objektive getestet. Doch die Bilder, die er suchte, während er 1978 durch Neuengland kreuzte - er fand sie nicht.

Fotograf Joel Sternfeld vor einer seiner Fotografien aus der Reihe "Amerikanische Ansichten". Die Serie entstand Ende der 1970er Jahre und beschäftigt sich mit dem aus der Form geratenen Verhältnis zwischen Natur und Stadt in den USA.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Bis er in McLean, Virginia, das Haus sah, das in hellen Flammen stand. Die Feuerwehr löschte es, zündete es wieder an, löschte erneut - zu Übungszwecken. Es sollte, so stellte sich heraus, für den Neubau von Eigentumswohnungen abgerissen werden. Sternfeld hielt sofort an, baute seine Kamera auf und rang dann mit seinen Zweifeln: Das Orange der Kürbisse, die an einem Stand davor angeboten wurden, glich dem der Flammen im Hintergrund. Das war ihm zu banal, zu offensichtlich.

Doch dann bemerkte er den Feuerwehrmann, der in aller Ruhe einen Kürbis kaufte. Sternfeld drückte ab. "Das Problem an der Fotografie ist, sie zum Sprechen zu bringen. Ich wollte Fotos machen, die ganze Sätze, ganze Erzählungen enthielten, nicht nur Worte." Nun, da ihm das gelungen war, gelang es immer wieder. In Oregon fotografierte er gestrandete Wale, in Washington einen entlaufenen Zirkuselefanten, der auf einer Landstraße starb. Lauter elliptische, aber komplexe Short Stories.

Sternberg, dem das Folkwang Museum ab 16. Juli eine große Retrospektive widmet, ist inzwischen 33 Jahre älter, doch mit seinen weichen Zügen, den kuriosen dunklen Fußballerlocken und den Shorts, die er an diesem heißen Nachmittag trägt, sieht der 1944 Geborene aus wie ein großes Kind. In seinem Loft im New Yorker Viertel Tribeca kramt er im Tiefkühlschrank nach den Negativen seines ersten großen Buchs "American Prospect". Sind das die Originale?, fragt der Besucher besorgt. "Ja!", meint Sternfeld befriedigt lächelnd. "Und da ist der Mais und da die Pizza! Vielleicht sollte ich sie wirklich woanders lagern."

Es ist eine wunderbare kleine Szene. Doch anders als bei denen auf seinen Fotos hat er ein bisschen mitinszeniert. Sternfeld weiß ganz genau, was er dem Journalisten bietet. Und er geht mit seinen Negativen keineswegs so fahrlässig um, wie er suggeriert. Er bringt sie rüber in sein winziges Atelier auf der anderen Straßenseite, wo seine Assistentin sein Lebenswerk scannt, um es für die Nachwelt zu sichern.

Sternfeld wusste auch sonst immer, was er tat. Jahrelang fotografierte er mit seiner Leica auf der Straße. Wie so viele damals bewunderte er Henri Cartier-Bresson, den Meister des ungestellten "moment décisif", und versuchte, dessen erstaunliche Bildsprache in Farbe zu übersetzen - und ins Amerikanische. "Poetic snapshots" nannte er diese Bilder, die viel aufregender sind als es der etwas brave Begriff ahnen lässt. Selbst wenn sie nur ein rosa Hemd auf einer Leine vor einem Gewitterhimmel zeigten. "Ich frage mich, warum ich die Dinge nicht mal wieder so genau auf ihre Farbigkeit hin ansehe. Fast niemand tut das. Da gibt es so viel zu entdecken!"

Doch dann, 1974, arrangierte John Szarkowski, der einflussreiche Fotografie-Kurator am Museum of Modern Art, ein Treffen mit dem sieben Jahre älteren William Eggleston, der damals noch kaum bekannt war. Auch Eggleston fotografierte mit einer Leica und in Farbe, ein Sakrileg damals für alle ernsthaften Fotografie-Künstler. Und wie Sternfeld fand auch er seine Sujets in der kommerziellen Landschaft Amerikas. Doch statt sich bestätigt zu fühlen, erlitt Sternfeld einen Schock. "Er zeigte mir kistenweise Bilder. Danach wusste ich, dass dieses Territorium ihm gehörte. Für mich war kein Platz dort. Der Job des Künstlers ist es, den Vater zu töten. Man kann ihn töten, indem man dasselbe besser macht. Oder sich etwas anderes sucht und das besser macht. Ich entschied mich für Letzteres." Sternfeld fing von vorne an, diesmal mit der Großformatkamera.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, was Sternfeld bewirkt hat.

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