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Fotografie: Joel Sternfeld:Amerika auf der Spur

Brennende Häuser, Orte, an denen Menschen ermordet wurden - und zerstörte Würde inmitten Industrieparks und Superhighways: Fotograf Joel Sternfeld tastet die US-Nation seit drei Jahrzehnten mit seinen Bildern ab und ist demnächst mit einer großen Retrospektive bei uns zu sehen. Ein Besuch in New York.

Jörg Häntzschel

Joel Sternfeld hatte sich einen alten VW-Bus gekauft, in dem er schlafen konnte. Er hatte eine Plattform aufs Dach montiert, auf der er sein Stativ aufstellen konnte, weil Ansel Adams es auch so gemacht hatte. Er hatte sogar einen Safe für seine neue, teure 8x10-Zoll-Kamera eingebaut und mit ihr einen Sommer lang Objektive getestet. Doch die Bilder, die er suchte, während er 1978 durch Neuengland kreuzte - er fand sie nicht.

Bis er in McLean, Virginia, das Haus sah, das in hellen Flammen stand. Die Feuerwehr löschte es, zündete es wieder an, löschte erneut - zu Übungszwecken. Es sollte, so stellte sich heraus, für den Neubau von Eigentumswohnungen abgerissen werden. Sternfeld hielt sofort an, baute seine Kamera auf und rang dann mit seinen Zweifeln: Das Orange der Kürbisse, die an einem Stand davor angeboten wurden, glich dem der Flammen im Hintergrund. Das war ihm zu banal, zu offensichtlich.

Doch dann bemerkte er den Feuerwehrmann, der in aller Ruhe einen Kürbis kaufte. Sternfeld drückte ab. "Das Problem an der Fotografie ist, sie zum Sprechen zu bringen. Ich wollte Fotos machen, die ganze Sätze, ganze Erzählungen enthielten, nicht nur Worte." Nun, da ihm das gelungen war, gelang es immer wieder. In Oregon fotografierte er gestrandete Wale, in Washington einen entlaufenen Zirkuselefanten, der auf einer Landstraße starb. Lauter elliptische, aber komplexe Short Stories.

Sternberg, dem das Folkwang Museum ab 16. Juli eine große Retrospektive widmet, ist inzwischen 33 Jahre älter, doch mit seinen weichen Zügen, den kuriosen dunklen Fußballerlocken und den Shorts, die er an diesem heißen Nachmittag trägt, sieht der 1944 Geborene aus wie ein großes Kind. In seinem Loft im New Yorker Viertel Tribeca kramt er im Tiefkühlschrank nach den Negativen seines ersten großen Buchs "American Prospect". Sind das die Originale?, fragt der Besucher besorgt. "Ja!", meint Sternfeld befriedigt lächelnd. "Und da ist der Mais und da die Pizza! Vielleicht sollte ich sie wirklich woanders lagern."

Es ist eine wunderbare kleine Szene. Doch anders als bei denen auf seinen Fotos hat er ein bisschen mitinszeniert. Sternfeld weiß ganz genau, was er dem Journalisten bietet. Und er geht mit seinen Negativen keineswegs so fahrlässig um, wie er suggeriert. Er bringt sie rüber in sein winziges Atelier auf der anderen Straßenseite, wo seine Assistentin sein Lebenswerk scannt, um es für die Nachwelt zu sichern.

Sternfeld wusste auch sonst immer, was er tat. Jahrelang fotografierte er mit seiner Leica auf der Straße. Wie so viele damals bewunderte er Henri Cartier-Bresson, den Meister des ungestellten "moment décisif", und versuchte, dessen erstaunliche Bildsprache in Farbe zu übersetzen - und ins Amerikanische. "Poetic snapshots" nannte er diese Bilder, die viel aufregender sind als es der etwas brave Begriff ahnen lässt. Selbst wenn sie nur ein rosa Hemd auf einer Leine vor einem Gewitterhimmel zeigten. "Ich frage mich, warum ich die Dinge nicht mal wieder so genau auf ihre Farbigkeit hin ansehe. Fast niemand tut das. Da gibt es so viel zu entdecken!"

Doch dann, 1974, arrangierte John Szarkowski, der einflussreiche Fotografie-Kurator am Museum of Modern Art, ein Treffen mit dem sieben Jahre älteren William Eggleston, der damals noch kaum bekannt war. Auch Eggleston fotografierte mit einer Leica und in Farbe, ein Sakrileg damals für alle ernsthaften Fotografie-Künstler. Und wie Sternfeld fand auch er seine Sujets in der kommerziellen Landschaft Amerikas. Doch statt sich bestätigt zu fühlen, erlitt Sternfeld einen Schock. "Er zeigte mir kistenweise Bilder. Danach wusste ich, dass dieses Territorium ihm gehörte. Für mich war kein Platz dort. Der Job des Künstlers ist es, den Vater zu töten. Man kann ihn töten, indem man dasselbe besser macht. Oder sich etwas anderes sucht und das besser macht. Ich entschied mich für Letzteres." Sternfeld fing von vorne an, diesmal mit der Großformatkamera.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, was Sternfeld bewirkt hat.

Etwas fehlte

Mit einem Guggenheim-Stipendium zog er aus, um sein Land zu fotografieren. Robert Frank hatte das 20 Jahre vor ihm gemacht und kam mit "The Americans" zurück, einer skeptischen, ethnographischen Bestandsaufnahme. Doch es war nicht Frank, der ihn inspirierte, sondern Walker Evans, der stille, ernste Dokumentarist der Depressionszeit.

"Die physische Welt, die Evans darstellt, ist in Ruinen. Aber der menschliche Spirit ist intakt. Die verarmten Bauern in Alabama tragen Kartoffelsäcke und haben nur drei Löffel, aber sie hängen sie ordentlich auf. Sie haben ihre Würde nicht verloren." Im Amerika der siebziger Jahre, der Zeit nach Vietnam, Watergate und dem Kater der Post-Hippie-Ära, erschien es Sternfeld umgekehrt. Ein brandneues Land wurde damals aus dem Boden gestampft. Die alte Kleinstadt, noch in den Fünfzigern Sitz der amerikanischen Seele, wurde irrelevant. An ihre Stelle traten Industrieparks, Superhighways, Motels und Flughäfen. "Doch während Amerika neu gebaut wurde, lag die menschliche Würde getreten am Boden. Die Tugenden, für die Amerika immer gestanden hatte, waren in Gefahr."

Das sollte sein großes Thema werden: "Es war ein Gefühl des Unbehagens, das was Jimmy Carter später die ,Malaise' nannte. Etwas stimmte nicht, etwas fehlte. Nur wusste ich nicht, was diesen Eindruck illustrieren könnte." Bis er das brennende Haus fand und die vielen anderen Bilder seines ersten großen Buchs "American Prospect".

Szarkowski, der mehr als sonst irgendjemand in Amerika zur Anerkennung der Fotografie als Kunstform beitrug, war Sternfelds Selbstverständnis als "engagierter Fotograf", als "concerned photographer", äußerst verdächtig. Seit der sentimentalen We-Are-The-World-Ausstellung "The Family of Man", die sein Vorgänger Alfred Steichen 1955 im MoMA veranstaltet hatte, fürchtete Szarkowski nichts mehr als Fotografie im ideologischen Auftrag, Fotografie, die nicht zuallererst dem Medium selbst verpflichtet war. Seine Favoriten hießen Diane Arbus, Lee Friedlander und Gary Winogrand, deren interessierten, aber harten und kühlen Blick er für den einzig legitimen Modus künstlerischer Fotografie hielt. Winogrand selbst formulierte dieses Programm am besten: "Ich möchte mit keinem meiner Bilder etwas sagen. Das Einzige, was mich an Fotografie interessiert, ist zu sehen wie etwas fotografiert aussieht."

Doch Sternfeld ließ sich nicht beirren. Mit jedem seiner mehrjährigen Projekte tastet er die Nation fotografisch nach ihren Krankheiten ab: "Stranger Passing", sein zweiter großer Zyklus, ist eine grandiose Serie von intimen Momenten mit Einsamen und Glücklichen, Kranken und Hoffnungsvollen, die er auf unnachahmliche Weise ein Bild ihres Ich-Seins produzieren lässt. Für "On This Site", einem weiteren dieser "bodies of work", wie Sternfeld es mit seiner Neigung zum Pomp nennt, suchte er Orte auf, an denen Menschen ermordet wurden.

Doch auch "On This Site" war mehr als nur ein dokumentarisches Projekt. Ging es zuvor darum, einen Aspekt von Dauer in einem Medium zu erzeugen, das Dauer nicht kennt, ging es hier um eine andere Frage fotografischer Repräsentation: Wie lässt sich ein Geschehen abbilden, von dem keine sichtbaren Spuren mehr zu sehen sind? Unmöglich, möchte man meinen. Doch auch wer nichts weiß über "On This Site" wird angesichts der mit merkwürdiger Insistenz aufgenommenen Parkplätze, Motels und Restaurants keinen Zweifel haben, was es ist, das hier auf so beunruhigend präsente Weise abwesend ist.

Andere haben inzwischen noch mehr aus dem Medium herausgeholt: Jeff Wall und Gregory Crewdson treiben für ihre erzählerische Fotografie inszenatorischen Aufwand von Hollywood-Ausmaßen. Andreas Gursky hat die Großprospekte von Sternfeld auf Monumentale vergrößert, und als sich auf konventionellem Wege nicht noch mehr Welt in seine Bilder zwingen ließ, begann er mit seinen digitalen Kompilationen.

Nur mit seiner Besorgtheit ist Sternfeld weitgehend allein geblieben. Nicht zuletzt wohl, weil sie nicht immer zu großartigen Fotos führte: "When it Changed", sein Buch mit kunstlosen Aufnahmen von der Klimakonferenz in Montreal 2005, blieb ohne Echo. Doch dass Fotografie durchaus etwas bewegen kann, das hat Sternfeld zumindest einmal bewiesen.

Hätte er den ahnungslosen New Yorkern mit seinen Bildern nicht von dem idyllischen Wildwuchs erzählt, der auf der High Line, der stillgelegten Hochbahn in Chelsea, entstanden war, wäre sie wohl ohne viel Aufhebens abgerissen worden.

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Quelle:
SZ vom 11.07.2011/rus
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