Filmfestival Cannes Ein saubrutales Stück Kino

Lars von Trier präsentiert in Cannes seinen neuen Film "The House That Jack Built".

(Foto: REUTERS)

Nach sieben Jahren Verbannung ist Lars von Trier zurück in Cannes. Und beweist: Im Genre der unterhaltsamen bis schockierenden Totaldepression ist er immer noch ein unerreichter Meister.

Von David Steinitz, Cannes

Da ist er also. Der dänische Regisseur Lars von Trier, der mit Bart, Nickelbrille und weißgrauen Haaren mittlerweile so aussieht, als mutiere er langsam vom Studienrat zum Weihnachtsmann, betrat am späten Montagabend in Cannes das Grand Théâtre Lumière zur Weltpremiere seines neuen Films. Und der Saal, der wirklich einschließlich des allerletzten Klappsitzes gefüllt war, tobte wie bei einem Rockkonzert. Sogar die emotional sonst eher konservativen Platzanweiserinnen klatschten begeistert mit. Hitler-Skandal, war da was?

Zur Erinnerung: Vor sieben Jahren hatte Trier, damals mit seinem Weltuntergangsdrama "Melancholia" in Cannes zu Gast, bei einer Pressekonferenz Sympathien für Hitler bekundet und sich dann immer weiter um Kopf und Kragen geredet - "Okay, ich bin ein Nazi!" - bis der Saal völlig baff war. Hinterher entschuldigte er sich, alles natürlich nicht ernst gemeint. Cannes aber erklärte ihn zur Persona non grata.

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Hinter den Kulissen scheint es aber weitere Entschuldigungen und schließlich eine Aussöhnung gegeben zu haben, denn in diesem Jahr konnte Trier zurückkehren, um seinen Serienkillerfilm "The House That Jack Built" mit Matt Dillon und Bruno Ganz in den Hauptrollen zu zeigen. Allerdings konkurriert er damit nicht um die Goldene Palme, sondern läuft außer Konkurrenz, was man durchaus noch als kleine Strafaktion des Festivals lesen kann.

Triers Produzent sagte, er haue seit mehr als 25 Jahren allen seinen Mitarbeitern auf den Hintern

Sensationslüsterne Zyniker, die sich nach der Erfahrung vom letzten Mal fast mehr auf einen weiteren Pressekonferenz-GAU als auf den Film gefreut hatten, wurden enttäuscht: Es fand einfach keine statt.

Vielleicht auch, weil noch zu Beginn des Festivals Triers langjähriger Produzent Peter Aalbæk Jensen, der auch am neuen Film beteiligt ist, in die französisch-dänische Versöhnung hineingrätschte. Der 62- Jährige wird von ehemaligen Angestellten der sexuellen Belästigung und des Mobbings beschuldigt. Letzte Woche gab er der dänischen Zeitung Politiken ein Interview, in dem er erklärte, er haue seit über 25 Jahren allen seinen Mitarbeitern auf den Hintern, besonders den Praktikanten. Und er habe nicht die geringste Lust, nur wegen der "Me Too"-Debatte damit aufzuhören. Anti-Hinternklatsch-Propaganda halte er für "langweilig und ein bisschen bourgeois". Wohl auch als Konsequenz aus diesem Debattenbeitrag entschloss man sich in Cannes, dass es besser sein könnte, die Dänen hier in näherer Zukunft nicht öffentlich reden zu lassen.

Zweieinhalb Stunden in einem kranken Kopf: Matt Dillon spielt den Serienkiller in Lars von Triers „The House That Jack Built“, Riley Keough eines seiner Opfer.

(Foto: Festival Cannes)

Auch Trier ging nicht, wie sonst üblich, mit seinem Team auf die Premierenbühne, sondern blieb stumm im Auditorium stehen und nahm den Comeback-Applaus und das Geschrei eher verkrampft und schüchtern entgegen. Seine Hände, von denen die Finger der einen mit den Buchstaben F, U, C und K tätowiert sind, zitterten dabei heftig, er hielt sie extra für die Kameras hoch.

Und der Film? "The House That Jack Built" ist selbst für Trier-Verhältnisse ein saubrutales Stück Kino geworden. Es zeigt aber auch eindrücklich, warum Cannes-Chef Thierry Frémaux dem Regisseur, der hier unter anderem schon "Antichrist" und "Dogville" gezeigt und für "Dancer in the Dark" die Goldene Palme gewonnen hatte, unbedingt verzeihen wollte. Denn im Genre der unterhaltsamen bis schockierenden Totaldepression ist Trier immer noch der unerreichte Meister des europäischen Autorenfilms.