Comic-Salon Erlangen Akt der Befreiung

Künstlerisch besonders überzeugend waren Arbeiten aus Indien, denen der Comicsalon eine eigene Ausstellung widmete.

(Foto: Orijt Sen)

Der Comic Salon Erlangen blickt nach Indien, Japan und die Türkei - und belegt die kathartische Kraft von Comics, auch wenn sie politische und soziale Probleme nicht sofort beheben können.

Von Christoph Haas

Furchtbar misshandelt ist die junge Frau, aber nicht gebrochen. Ihr Haar ringelt sich rebellisch, die Brauen über den rot geäderten Augen sind zornig zusammengezogen, ihr kleiner, voller Mund ist kämpferisch gespitzt. In die großen, lilafarbenen Flecken, die ihr aufgequollenes Gesicht weiter verunzieren, sind Schriftzüge eingetragen: "Gewalt gegen Frauen . . . übertrieben" steht da etwa, außerdem "Frauen und Männer sind nicht gleich" und "Hätten sie besser aufgepasst".

Ein Plädoyer gegen das, was Männer dem anderen Geschlecht gerne zufügen, überall auf der Welt? Gewiss, aber dieses Coverbild der türkischen Satirezeitschrift Uykusuz hat auch allegorischen Charakter.

Die verprügelte, vergewaltigte Frau erscheint in ihrem wütenden Trotz wie ein Sinnbild der Meinungs- und Pressefreiheit, um die, unter Umständen mit Gefahr für Leib und Leben, gerungen werden muss - wie etwa zur Zeit im Reich des neuen Sultans Erdogan.

Wie schon vor vier Jahren, als anlässlich der "Arabellion" Zeichnerinnen und Zeichner aus dem Nahen Osten zu Gast waren, näherte sich der nunmehr 17. Comic-Salon Erlangen am letzten Wochenende wieder entschlossen der politischen und sozialen Aktualität.

Die Ausstellung zu "Comics und Satire aus der Türkei" blickte zurück bis zu den Anfängen der Szene am Bosporus. Da die Türkei dem internationalen Abkommen zum Urheberschutz erst in den Achtzigern beitrat, erschienen zuvor zahlreiche Raubdrucke frankobelgischer Comic-Serien. Zum Teil waren diese skrupellos bearbeitet: So lagen statt 23 schließlich 34 "Tim und Struppi"-Abenteuer vor, da aus einzelnen Bildern einfach weitere Alben zusammengebastelt wurden.

Dank Raubdrucken: 34 statt 23 "Tim und Struppi"-Abenteuer in der Türkei

Die Produktionen heimischer Zeichner orientierten sich lange an Vorbildern wie dem amerikanischen "Mad" oder Größen wie Franquin, Möbius oder Regis Loisel.

Über die inhaltlichen Aspekte ließ sich für des Türkischen nicht mächtige Salon-Besucher leider nur mutmaßen, da die Seiten zumeist in der Originalsprache aushingen. Erstaunlich ist die erotische Freizügigkeit, die schon vor Jahrzehnten möglich war: Mehr sich nackt räkelnde Frauen gibt es auch in den damaligen europäischen Erwachsenencomics nicht.

Ein erheblicher Qualitätssprung ist dann, verbunden mit dem vermehrten Entstehen von Comics außerhalb von Zeitschriften, in den letzten knapp zwanzig Jahren festzustellen. Von der feministisch geprägten Ramize Erer etwa, verantwortlich für die Serie "Kötü Kiz" ("Das böse Mädchen"), würde man gerne etwas übersetzt sehen.

Indien überzeugt

Ebenso engagiert, aber künstlerisch noch überzeugender waren die Comics von Künstlerinnen und Künstlern aus Indien. Unter ihnen ragt Vishwajyoti Gosh hervor. In seiner Graphic Novel "Delhi Calm" (2010) thematisiert er die politischen Unruhen im Indien der Siebziger; zudem ist er Herausgeber der Anthologie "This Side, that Side: Restorying Partition" (2013), die sich mit der Entstehung Pakistans im Jahr 1947 beschäftigt.

Gosh versteht sich aber auch auf Camp und Humor: In Collagen mit dem Titel "Times New Roman & Countrymen" verbindet er kuriose Kleinanzeigen-Texte mit alten Fotos und Bollywood-Bildern.

Der Initiative des Goethe-Instituts in Delhi ist es zu verdanken, dass bei gleich zwei Anlässen junge deutsche und indische Zeichnerinnen zu Workshops zusammenkommen konnten.