Fernsehen ARD-Star Wickert rechnet mit ARD und ZDF ab

Ulrich Wickert, einst "Mister Tagesthemen", legt Schwächen des öffentlich-rechtlichen TV bloß. Er hat intensiv das Programm beobachtet.

Von Hans-Jürgen Jakobs

Er ist der große alte Mann der ARD. Sein ganzes Berufsleben hat der Diplomatensohn im öffentlich-rechtlichen Verbund verbracht, und als Moderator hat er jahrelang das Gesicht des Senders geprägt. Umso erstaunlicher, was Ulrich Wickert (66) jetzt über seinen jahrelangen Arbeitgeber schreibt.

Es ist eine gnadenlose Abrechnung mit ARD und ZDF, die der einstige "Mister Tagesthemen" in einem längeren Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung vorlegt. Folgt man Wickerts Gedanken und Beobachtungen, dann stimmt es nicht mehr richtig in jenem Fernsehsystem, das von den Gebühren der Bürger lebt und den Anspruch auf Grundversorgung mit Information und Nachrichten erhebt. "Den Machern scheint das Bewusstsein für ihren öffentlich-rechtlichen Auftrag abhanden gekommen zu sein", wütet Wickert.

Dem erfahrenen Moderator der Tagesthemen ist aufgefallen, dass weder Tagesschau noch Tagesthemen, weder heute noch heute-journal jemals das ganze Bundeskabinett vorgestellt haben. Und er beklagt, dass die ARD nach der Kabinettsbildung am 23. Oktober keine Sondersendung, einen Brennpunkt zum Beispiel, ins Programm hob. "Das kann", so Wickert, "heute wohl keiner mehr verlangen, Freitag und Samstag gehören der Unterhaltung!"

Am Sonntag dann, als die FDP den Koalitionsvertrag absegnete, habe die ARD einen angeblich wichtigeren Aufmacher entdeckt, ein Attentat im Irak. "Solche Attentate im Irak ereignen sich alle paar Tage", schiebt Wickert nach. Hier werde "aus einer völlig falsch verstandenen Chronistenpflicht gesendet", niemand quäle sich, "den Automatismus, mit dem Bomben in die Nachrichten kommen, zu hinterfragen".

Einmal in Fahrt, kann sich das langjährige ARD-Idol kaum mehr halten. Zum Beispiel habe die ARD am Tag nach der Bundestagswahl lange keinen Brennpunkt senden wollen - eine Entscheidung der Intendanten, gegen die kein Programmdirektor protestierte. Dass dann doch ein solcher Brennpunkt lief, sei der Intervention des ARD-Hauptstadtstudios und des ARD-Chefredakteurs Thomas Baumann zu verdanken. Wickert: "Es fehlt offenbar an einem Verständnis für die politische Grundversorgung. Das konnten wir auch am 20. Jahrestag des Mauerfalls sehen."

Während das französische Fernsehen France 2, so der frankophile Kritiker, live den Auftritt des Ex-Außenministers Roland Dumas mit Kanzlerin Angela Merkel sendete, brachte seine ARD die Soap "Sturm der Liebe". Das ZDF wiederum habe "den für ein solches Ereignis nicht wirklich geeigneten Thomas Gottschalk ans Mikrofon" gelassen.

Houston, wir haben ein Problem

Während France 2 weiter breit aus Berlin berichtete, habe die ARD "so bedeutsame Sendungen" wie "Verbotene Liebe" oder "Marienhof" gesendet, spöttelt Wickert. Als man schließlich doch einmal zum Brandenburger Tor schaltete, sei die Übertragung während der Rede der US-Außenministerin Hillary Clinton abgeschnitten worden; auf die Videobotschaft des Präsidenten Barack Obama wurde verzichtet.

"Der Sendeplan musste eingehalten werden", echauffiert sich Wickert, damit nach der Tagesschau pünktlich die Schnulze Geld, Macht, Liebe die Zuschauer anlocken konnte. Es drängt ihn, den einstigen Leiter des Pariser ARD-Studios, angesichts solcher Verhältnisse zur Fundamentalkritik. Und die Verhältnisse sind mit einem Wort zu beschreiben: Quotenrausch. Von 1991 bis 2006 hat der bekannte Journalist die Tagesthemen moderiert, und offenbar ist der Schmerz über die jüngsten Entwicklungen so groß, dass es ihn auf rigorose Offenlegung drängte.

Es habe in ihm seit einiger Zeit rumort, schreibt der Mann, der immerhin auf NDR Kultur noch eine regelmäßige Sendung (Wickerts Bücher) hat und also weiter als einer des Öffentlich-Rechtlichen gelten kann.

Dieses Pamphlet ("Warum sind die Kritiker so milde?") ist eine Zäsur. Er wirkt wie ein Aufruf, in einem außer Kontrolle geratenen System endlich aufzuräumen. Houston, wir haben ein Problem. Auch fällt auf, dass mit dem ZDF-Nachrichtenmann Steffen Seibert erst jüngst ein anderer herausgehobener Journalist das eigene System kritisiert hat, und zwar wegen des Angebots an Boulevardsendungen.

Ulrich Wickert lässt sich in seiner Philippika auch über den krawattenlos moderierenden Frank Plasberg aus, über den Moderator Thomas Kausch (Fakt) und seine Abschiedsfloskel "Ciao", sowie über die Sprache der Haupt-Nachrichtensendungen. Nur noch wenige Autoren von ARD und ZDF würden den Satzbau beherrschen, erläutert er: "Häufig streuen sie Substantive wie grobes Meersalz zwischen kurze Sätze."

Die Floskelsprache der Politiker werde genauso übernommen wie das Kurzsprech der Nachrichtenagenturen. Immerfort heiße es: "Bleibt es abzuwarten", "ist die Ursache unklar", oder "es wird sich zeigen".

Und jetzt: das Wetter.

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