Ein Anruf bei Hellmuth Karasek Wulffs Nachricht, ein Drama

"Ich bin auf dem Weg zum Emir" - mit diesem Satz beginnt die fatale Nachricht, die Bundespräsident Christian Wulff während einer Katar-Reise persönlich auf der Mailbox von Bild-Chefredakteur Kai Diekmann hinterließ. Und weil bei Dramen der erste Satz ja als sensible Angelegenheit gilt, haben wir die Literaturkritik befragt.

Interview: Marten Rolff

SZ: Herr Karasek, wie wichtig ist der erste Satz für eine Geschichte?

Karasek: Das kommt darauf an. Für mich persönlich fangen wichtige Romane mit spannenden Sätzen an. So wie bei meinem Lieblingsroman "Anna Karenina": "Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie dagegen ist unglücklich auf ihre besondere Art." Das baut eine ungeheure Spannung auf. Oder nehmen wir Kafkas "Prozess": "Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." Da denkt man: unbedingt weiterlesen! Wie ein Krimi. Dass ein Albtraum folgen wird, das weiß man gleich beim ersten Satz.

SZ: Gibt es eigentlich eine Art Regel für das Gelingen eines ersten Satzes?

Karasek: Nein, die wichtigste Regel der Literatur ist, dass sie in ihren entscheidenden Werken gegen jede Regeln verstößt.

SZ: Wie verhält es sich mit einer Geschichte, die mit folgendem Satz beginnt: "Ich bin auf dem Weg zum Emir"?

Karasek: Das dürfte Karl May sein.

SZ: Zumindest ist es ähnlich spannend.

Karasek: Es erinnert stark an Mays Orientromane. Und es sagt natürlich aus, wo die Geschichte spielt. Man könnte Topkapi oder einen Harem erwarten. Oder irgendeine politische Verwicklung. Womöglich was mit arabischen Feldzügen?

SZ: Was sagt es über den Erzähler aus?

Karasek: Ist es Lawrence von Arabien?

SZ: Nicht ganz.

Karasek: Über den Erzähler sagt es jedenfalls erst mal aus, dass der sich dem Leser als jemand vorstellen will, der immerhin so wichtig ist, dass er sich gleich mit einem Emir treffen kann.

SZ: Würden Sie den Fortgang einer Geschichte, die so beginnt, hören wollen?

Karasek: Weiß nicht. Ich denke bei dem Anfang auch sofort an diesen Kinderreim, aus Zeiten, in denen noch ägyptische Zigaretten geraucht wurden: "Jetzt rauchen wir noch 'ne Emir, und dann geh'n wir."

SZ: Wir sind nah dran. Der Satz ist von Bundespräsident Christian Wulff. Es ist der erste Satz der Pressebeschwerde, die er auf der Mailbox von Bild-Chefredakteur Kai Diekmann hinterließ.

Karasek: Ja, wunderbar, ganz herrlich! Das Spannende an diesem Anfang ist ja die extreme Bedeutungskulisse, die hier aufgebaut wird. Mich erinnert das an eine Anekdote mit meiner Mutter, die mich, als ich ein Junge war, bat, Kohlen aus dem Keller zu holen. Ich saß gerade auf einem Stuhl, wo ich versuchte, "Zarathustra" von Nietzsche zu lesen, ohne es zu verstehen. Und ich hatte Angst vor dem Keller. Also sagte ich feige zu meiner Mutter: Ich lese hier Nietzsche, und du kommst mir mit so einem Quatsch! Das könnte Wulff gemeint haben: Ich bin hier in wichtigster Mission unterwegs, und ihr löchert mich mit einem Kredit für ein hässliches Haus!

SZ: Ein bisschen großsprecherisch, oder? Ist es der Beginn einer Tragödie?

Karasek: Ich würde beim Genre Abenteuerroman bleiben. Denn es geht ja darum, wie jemand wider Willen Präsident wurde, weil er aus Ängstlichkeit geleugnet hat, ein Alphatier sein zu wollen.

SZ: Aber etwas Tragisches hat es auch.

Karasek: Das stimmt, ich habe ihn in Erinnerung, wie er noch ganz Osnabrück war. Ich habe ihn damals bei einem Orthographie-Wettbewerb begleitet. Er ist übrigens ein sehr umgänglicher Mensch. Aber auch Protagonist eines großen Romans, der in die Madame-Bovary-Kiste gehört.

SZ: Das müssen Sie erklären.

Karasek: Weil seine Frau ihn offenbar zu Höchstleistungen und damit zu Verfehlungen hingerissen hat. Er wollte eben über seine Verhältnisse hinaus.

SZ: Sie meinen also, der Orthographie-Wettbewerb stand Wulff besser?

Karasek: Ja, das muss man wohl sagen.

SZ: Und was wäre der letzte Satz in dieser abenteuerlichen Tragödie?

Karasek: Eindeutig: Wer sich im Kreis bewegt, kommt darin um.

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