"Der junge Karl Marx" im Kino Revolution im Wirtshaus

In Paris lernen sich Engels (Stefan Konarske, links) und Marx (August Diehl) kennen, trinken Wein, spielen Schach.

(Foto: Neue Visionen)

Vor dem Kommunistischen Manifest kamen Sauftouren durch Paris und Debatten in verrauchten Stuben: Raoul Peck erzählt in "Der junge Karl Marx" von den ersten Begegnungen zwischen Marx und Engels.

Filmkritik von Fritz Göttler

Marx trinkt zu viel, Marx kotzt in den Rinnstein, Marx hat Gedankenblitze, was die Entwicklung des Materialismus angeht. Das ist ein bewährter Trick des Genres Biopic, des biografischen Films: das Höchste mit dem Niederen zusammenzubringen, das Individuelle mit dem Allgemeinen, das Klare mit dem Unreinen.

August Diehl spielt den jungen Karl Marx. In den letzten Jahren war er im Kino oft für komplizierte, verdrehte, gequälte Gestalten zuständig - einen deutschen Major in Tarantinos "Inglourious Basterds", Christian Buddenbrook, den Sechzigerjahre-Intellektuellen Bernward Vesper mit seiner Liebe zu Gudrun Ensslin in Andres Veiels "Wer wenn nicht wir", den Alten von Huck Finn, einen Nazi in Casablanca in der Brad-Pitt-Marion-Cotillard-Romanze "Allied".

Den jungen Karl Marx spielt August Diehl als ziemlich einfachen, manchmal fast gemütlichen Typen, und er hat eine Menge Spaß daran. Und Pascal Bonitzer, der zusammen mit Regisseur Raoul Peck das Drehbuch schrieb, hält sich gern an die Genre-Richtlinien. Er ist filmtheoretisch und -historisch hoch versiert, hatte jahrelang für die Cahiers du Cinéma geschrieben und Dialoge fabriziert für Jacques Rivette und André Téchiné, hat ironische Komödien selber gedreht und für Peck bereits an "Lumumba" und "Mord in Haiti" mitgearbeitet.

Raoul Peck - geboren in Haiti, Studium an der Film- und Fernsehakademie in Berlin, Fotograf und Wirtschaftsingenieur, kurze Zeit Kulturminister in Haiti - macht politisches Kino in traditioneller Manier.

Natürlich ist der Marxismus weiterhin wichtig, sagt Peck, im Kampf gegen den Kapitalismus

Filme über Lumumbas Versuch, im Kongo Demokratie zu etablieren, Korruption in Haiti, den Völkermord in Ruanda, die Machenschaften der Elitestudenten im Paris François Hollandes. Natürlich ist der Marxismus weiterhin virulent und wichtig, sagt Raoul Peck, im Kampf gegen die destruktiven Kräfte des Kapitalismus. Natürlich muss man seine Lebendigkeit demonstrieren, indem man seine Ursprünge auf die Leinwand bringt, die Kämpfe des jungen Marx, mit seiner Materie und ihrer Dialektik, mit den restriktiven politischen Bedingungen seiner Zeit.

Der Film beginnt mit einem Action-Vorspiel, wie's auch in den Siebzigern im Jungen Deutschen Kino immer wieder versucht wurde, bei Schlöndorffs armen Leuten von Kombach oder bei Vogelers einsamem Jäger Jaider: Arme Holzsammler werden von berittenen Gendarmen durch den Wald gehetzt und getötet.

Marx schreibt dagegen in der Rheinischen Zeitung, wird verhaftet. In England erlebt derweil Friedrich Engels (Stefan Konarske) den Klassenkampf am eigenen Leibe, sein Vater ist Industrieller, der die Arbeiter ausbeutet, die dem Sohn, als er sich unter sie begibt, feindlich begegnen.

Die Revolution kann man nicht erzählen

In Paris lernen die beiden Buddys sich kennen, verbringen viele Tage und viele Nächte zusammen, entwickeln ihre Ideen und suchen Verbündete für ihre Politik. Trinken Wein, spielen Schach, laufen fröhlich vor den Beamten davon, die ihre Pässe kontrollieren und sie ausweisen wollen aus Frankreich.

Die Revolution kann man nicht erzählen, überhaupt und im Kino gar nicht. Pecks Film versucht den Impuls der kommunistischen Vorstellungen spürbar zu machen - dialektischer Materialismus, Kommunistisches Manifest -, ihre Geburt aus einer durchaus lässigen bürgerlichen Boheme.

Der junge Marx ist voll im Kontakt mit der Gesellschaft, ein Lebenskünstler. Der ernste, auch verbissene Theoretiker kommt später, mit dem Rauschebart. Für den jugendlichen Überschwang, für richtig revolutionäre Heiterkeit sorgt die großartige Vicky Krieps, die Jenny spielt, die Frau von Marx. Für eine Mikrosekunde, schrieb Peter Bradshaw, der ehrwürdige Filmkritiker des Guardian, als er den Film bei der Berlinale gesehen hatte, drohen Marx und Engels die Jules und Jim der revolutionären Linken zu werden.

Im Abspann kehrt die Jugend der Revolte zurück, zur Musik von Bob Dylan

Mühsam ist der Film, wenn er die politische Aufklärungsarbeit der beiden Revolutionäre zeigt, das zähe Geschäft der Revolution, endlose, gespreizte Debatten in verrauchten Stuben - bis aus dem "Bund der Gerechten" der "Bund der Kommunisten" wird.

Der Film versteht sich als Vorspiel, erst im Abspann kehrt die Jugend der Revolte zurück, in einer explosiven Montage von Che bis Occupy. "You used to laugh about everybody that was a-hangin' out ..."

Le jeune Karl Marx, F/D/Belgien 2016 - Regie: Raoul Peck. Buch: Pascal Bonitzer, Raoul Peck. Kamera: Kolja Brandt. Schnitt: Frédérique Broos. Mit: August Diehl, Stefan Konarske, Vicky Krieps, Olivier Gourmet. Neue Visionen, 112 Minuten.