Dokumentarfilm "From One Second to the Next" Ohne böse Absicht

Werner Herzog

Werner Herzog hat in den USA einen Film über die Gefahr des Schreibens von SMS am Steuer gedreht, der in 40.000 Schulen gezeigt werden soll.

(Foto: dpa)

Ein werdender Vater schreibt seiner Frau beim Autofahren "I love you" - und reißt in diesem unaufmerksamen Moment drei fremde Kinder in den Tod. Werner Herzogs neuer Film "From One Second to the Next" dokumentiert Unfälle, die von SMS-schreibenden Fahrern verursacht wurden. Sehr bewegend.

Von Kathleen Hildebrand

In seinen Filmen hat Werner Herzog gezeigt, dass man ein Schiff über einen Berg hieven, Höhlenmalereien zum Leben erwecken und Grizzly Bären sehr nah kommen kann. Jetzt zeigt der Regisseur, dass auch ein Unterrichtsfilm trotz klarer pädagogischer Agenda tief bewegen kann.

"From One Second to the Next" heißt der 35-minütige Dokumentarfilm, den Herzog für die amerikanische Kampagne "Texting and Driving - It can wait" gedreht hat. Mit ihr sollen vor allem Teenager über die Gefahren des SMS-Schreibens beim Fahren aufgeklärt werden - eigentlich nicht das, was man von einem legendären Arthouse-Regisseur und Dokumentarfilmer erwartet.

"Eine ganz neue Kultur"

Herzog aber fühlte sich angesprochen: "Ich wusste, dass ich den Film würde machen können, weil es dabei um katastrophische Geschehnisse geht, die in das Leben einer Familie eindringen", sagte Herzog der Associated Press. "In einer Sekunde werden ganze Leben ausgelöscht oder für immer verändert. Ich wusste, dass ich über diese Art von emotionaler Resonanz würde erzählen können."

Auch wenn er selbst nicht gefährdet sei, am Steuer SMS zu tippen, habe er die Relevanz des Themas erkannt. "Das ist eine ganz neue Kultur da draußen", sagt Herzog. "Ich sehe, dass in der Zivilisation etwas vor sich geht, das mit großer Vehemenz auf uns zukommt."

"Ich bin unterwegs"

Quälend detailreich beschreibt der Film vier verheerende Unfälle, zu denen es nur deshalb kam, weil der Fahrer eines Autos nebenbei eine Textnachricht auf seinem Handy las oder schrieb. Weil er oder sie nicht bis zur nächsten roten Ampel oder bis zum nächsten Parkplatz warten konnte, um etwas einigermaßen Belangloses zu tippen wie "Ich bin unterwegs".

Deshalb sitzt ein kleiner Junge, seit er überfahren wurde, im Rollstuhl, angeschlossen an medizinische Geräte. Eine Frau hat schwerste Gehirnverletzungen erlitten und jede Selbständigkeit verloren. In einem anderen Unfall stirbt ein Vater, in einem nächsten kommen drei Kinder um, die selbst nur Pferdekutsche fuhren.

In unaufdringlichen Einstellungen zeigt Werner Herzog die Menschen, deren Leben die Unfälle verändert haben.

(Foto: Quelle: YouTube)

In unaufdringlichen Einstellungen zeigt Werner Herzog die Menschen, deren Leben die Unfälle verändert haben. Die Musik ist zurückhaltend, er braucht keine Effekte. Stämmige Polizisten setzen kurz aus beim Reden über die Kinderleichen, die sie im Straßengraben fanden. Die Schwester eines Unfallopfers beginnt zu weinen, als sie erzählt, wie sich deren Leben verändert hat, wie sie von einer aktiven, hilfsbereiten Frau zum Pflegefall wurde. Und ein Unfallverursacher weint, weil auch sein Leben für immer gezeichnet sein wird - von furchtbaren Erinnerungen und Schuld.

Unglück auf allen Seiten

Auch die Unfallverursacher zeigt Herzog in ihrem Leid und in ihrer Menschlichkeit. Gerade an ihren Erzählungen wird deutlich, wie verwundbar jedes noch so normale Leben ist und dass es keine böse Absicht braucht, damit schreckliche Dinge passieren.

Der junge Mann, der den Unfall mit der Pferdekutsche verursacht hat, bei dem drei Amish-Kinder starben, war zu diesem Zeitpunkt selbst Ehemann und werdender Vater. Als er mit der Kutsche der Kinder zusammenstieß, tippte er gerade eine Textnachricht an seine Frau: "I love you."

Die Momente, die einem aber das Herz vollends zusammendrücken, sind die der Vergebung. Wenn die Tochter den Mann umarmt, der am Unfalltod ihres Vaters schuld ist. Wenn die Eltern der drei toten Kinder dem leidenden Fahrer des Vans schreiben und ihm alles Gute mit seinem Neugeborenen wünschen. Es geht hier nicht um Mord, das macht Herzogs Film ganz klar, sondern um großes Unglück auf allen Seiten.

Was Werner Herzog in "From One Second to the Next" großartig gelingt: den Voyeurismus außen vor zu lassen. Der Detailreichtum, mit dem Opfer und Täter die Unfälle beschreiben, hat nie den Schock zum Zweck. Die Menschen, die Herzog interviewt hat, wollen reden, um weiteres unnötiges Leid zu vermeiden. Der pädagogische Ansatz des Films ist nicht nur der von Werner Herzog oder einer High-School-Kampagne. Er ist der ihre.