Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev Kunst ist Grundlagenforschung

SZ: Welche Rolle spielt da noch die Kunst, wenn alles eins ist?

Christov-Bakargiev: Es kann sein, dass ein Softwareprogramm für Finanzinvestitionen Kunst ist in Sicht seines Erfinders. Machen Sie eine Zeitreise zu den Höhlenmalern, die sagen wahrscheinlich das Gleiche über ihre Arbeit wie die Softwareentwickler heute. Der eine will Jagderfolg, der andere Erfolg in der Finanzwelt. Das ist sehr ähnlich. Wenn das Finanzsystem zusammenfällt, haben wir auch nichts mehr zu essen.

SZ: Wenn nun der Softwareentwickler der wahre Erbe der Höhlenmaler ist, wenn die Kunst also überall geschieht, wozu sind dann noch Ausstellungen gut?

Christov-Bakargiev: Wissenschaftler und Künstler haben heute gemein, dass sie Rechercheure sind, sie machen Grundlagenforschung. Deswegen haben wir auch Quantenphysiker eingeladen. Das ist der Unterschied der Documenta zum Höhlenmaler und zum Softwaremacher: Die machen angewandte Kunst, keine Forschung.

SZ: Die Wissenschaft und Physik, die Sie ausstellen, existieren auch ohne Documenta. Wofür brauchen wir noch eine Documenta?

Christov-Bakargiev: Um diese Dinge anzuwenden. Die politische Lage heute ist kritisch: die Zunahme der Armut, der Verlust der Autonomie in der Nahrungsmittelherstellung. Nun, ich bin Optimistin. Ich sehe die Documenta als Laboratorium, wo Allianzen im Dialog entstehen.

SZ: Es geht Ihnen also in der Ausstellung um politische Ziele?

Christov-Bakargiev: Kunst war immer politisch, auch Caravaggio, auch die religiöse Kunst des Barock. Religion ist Politik, Visionen sind Politik.

SZ: Damals gab es kirchliche und politische Auftraggeber. Heute sind Sie die Auftraggeberin.

Christov-Bakargiev: Ja, in diesem Fall bin ich Auftraggeberin, es gibt über 100 neue Werke. Eine Documenta ist eine Membran zwischen Publikum und der Welt hinter der Ausstellung: Künstler, Intellektuelle, Techniker. Ich tendiere dazu, mich mehr mit der Welt hinter der Ausstellung zu beschäftigen als mit dem Publikum. Aber paradoxerweise hatte ich in meinen Ausstellungen trotzdem immer ein gigantisches Publikum. Ich habe diese Erfahrung gemacht: Wenn ich nicht so viel über die Besucher nachdenke, dann sind die Leute am glücklichsten. Sie haben dann das Gefühl, sie bekommen unverstellten Einblick in diese andere Welt hinter der Ausstellung.

SZ: Macht denn die Öffentlichkeit nicht den eigentlichen Unterschied aus zwischen Wissenschaft und Documenta? Beide Male geht es um Grundlagenforschung, aber in der Documenta geschieht dies öffentlich.

Christov-Bakargiev: Das Publikum der Wissenschaft sind wir alle, die Zahnpasta oder Medikamente kaufen. Und das Publikum der Kunst benutzt auch Kunst, will etwas verstehen, so wie man auch einen Roman liest oder einen philosophischen Text. Je mehr man über das Display nachdenkt, desto weniger erlaubt man den Besuchern, in Dialog zu treten mit der Forschung.

SZ: Was ist die gesellschaftliche Funktion der Documenta?

Christov-Bakargiev: Es geht darum, Zweifel zu säen, Sicherheiten in Frage zu stellen. Ich bin Skeptikerin. Ich weiß vieles nicht: Könnte der Hund eine Grammatik schreiben, wenn man ihm die Möglichkeit gäbe?

SZ: Haben Sie sich deshalb entschieden, die Aufbruchszeit der fünfziger Jahre in der Documenta zu betonen?

Christov-Bakargiev: Wir leben im Moment der großen Krise. Die ökologischen, politischen, ökonomischen, kulturellen Systeme werden sich im 21. Jahrhundert verändern. Mich interessieren die zwanziger bis fünfziger Jahre. Auch wir haben Kriege: Afghanistan ist nach Bürgerkriegen und einem totalitären Regime von fremden Mächten besetzt und steht gerade wieder auf. Auch Kassel war nach einem totalitären Regime erst zerstört und war dann, kurz bevor die Documenta hier begann, von Fremdmächten besetzt. Es ging darum, nach einer Diktatur eine Zivilgesellschaft aufzubauen. Wie rekonstruiert sich Identität, ohne in die alten Muster zurückzufallen, die das Desaster ausgelöst haben? Diese Probleme tauchen vielerorts auf der Welt auf.

SZ: Warum greifen Sie dabei auf Salvador Dalí zurück? Der galt bislang eher als Mainstreamkünstler.

Christov-Bakargiev: Dalí ist nicht nur Mainstream, er ist auch gegen die Tradition der Documenta, die nie etwas mit Surrealismus zu tun haben wollte. Wenn die Welt so schreckenerregend wird wie jetzt, müssen Sie die Kunst der dreißiger Jahre anschauen. Der Surrealismus ist oft die einzige Freiheit, die bleibt, wenn es keine anderen Freiheiten mehr gibt.

SZ: In der Krise bleibt nur die innere Freiheit?

Christov-Bakargiev: Ja, aber eine, die in die reale Welt geht. Eine Form von Unbehagen und Hysterie, in solchen Momenten wird die Kunst extrem. Wenn man die Documenta zusammenfassen müsste, würde ich sagen: Es handelt sich um eine große Feier der Kräfte der Imagination, zu reagieren auf kritische Situationen.