Deutschlands Mundarten verändern sich "Da simmer dabei"

Göttert: Wenn wir eine Konversation auflockern wollen. Neulich etwa bekam ich eine Email von einer Studentin nach ihrer Promotion. Ich hatte ihr ein Treffen vorgeschlagen. Das nahm sie an mit dem kölschen Spruch: "Da simmer dabei!" Zum einen signalisierte sie damit Zustimmung, zum anderen aber auch, dass sie die Idee wirklich gut fand. Dafür bräuchte man im Hochdeutschen ein paar komplizierte Sätze! Der Dialekt kann das einfacher und besser.

SZ: Dialekt als direkter Weg zum Herzen?

Göttert: Dialekt hat tatsächlich etwas mit Wärme zu tun. Damit ist im Übrigen nicht der frühere, alte Dialekt mit seinen speziellen Lauten und Vokabular gemeint. Wir haben heute eine abgeflachtere, für größere Regionen gültige und entsprechend verständlichere Version. Man könnte auch von einer bloß sprachlichen Färbung des Hochdeutschen sprechen. Ernstzunehmende Fachleuten sind allerdings der Meinung, dass auch diese neuen Dialekte bald aussterben werden. Statistiken etwa aus Allensbach geben kein so sehr pessimistisches Bild. Sie belegen, dass sich in den letzten 20 Jahren jedenfalls nicht allzu viel verändert hat.

SZ: Erst behaupten Sie, dass Mundart wieder im Trend liegt. Nun soll sie aussterben?

Göttert: Das ist eine Meinung, die sich natürlich auf Indizien stützt. Meiner Meinung nach berücksichtigt man dabei jedoch zu wenig die Flexibilität der Dialekte, ihre Wandlung hin zum Akzent, wovon schon die Rede war. Im Übrigen: Das Aussterben der Dialekte wird seit mindestens 100 Jahren angekündigt. Ich glaube nicht daran. Warum soll die jüngere Generation, die im Augenblick tatsächlich immer mehr Dialekt verliert, den Dialekt nicht irgendwann wieder cool finden?

SZ: Nur auf dem Land, oder auch in den Städten?

Göttert: Darüber wissen wir tatsächlich sehr gut Bescheid, vor allem in Bayern, wo man die Situation noch in allerjüngster Zeit in einem vielbändigen Sprachatlas beobachtet hat. Man kennt die Verwendung des Dialekts je nach Altergruppen, Bildungsschicht und so weiter in allen Einzelheiten. Und das Ergebnis lautet: Auf dem Land werde es noch länger Dialekt geben, in München dagegen wird 2040 das Bairische ausgestorben sein. Man geht davon aus, dass die Großstädte als erste dialektfrei sind.

SZ: Und wer soll schuld sein am Niedergang?

Göttert: Da kann man wieder einmal die Schulbildung, aber auch die Allgegenwart der Medien mit ihrem Hochdeutsch nennen. Allerdings bieten gerade die Medien auch Dialekt in ihren Regionalprogrammen, der BR etwa mit "Dahoam is Dahoam" oder die "Norichten op Platt" beim NDR.

SZ: Also hat Dialekt heute immer auch etwas Heimattümelndes?

Göttert: Ja, die Gefahr besteht. Weil er natürlich nur auf regionaler Ebene gefördert wird. Hier in Köln bietet eine "Akademie för uns Kölsche Sproch" Sprachkruse an. Ich halte aber nichts davon, Dialekt wie eine Fremdsprache zu lernen. Daneben gibt es Vereine, Vorträge oder Dialekt-Dichtungen.

SZ: Und wo wird Dialekt unterdrückt?

Göttert: Heute gibt es eher subtile Formen der Unterdrückung: eine mehr oder weniger unsichtbare Form der Diskriminierung. Während man in den 60er Jahren Dialekt sprechende Kinder unter dem Schlagwort der "restringierten Sprache" noch für weniger leistungsfähig hielt und entsprechende Gegenstrategien entwickelte, gibt es heute eher Benachteiligungen etwa bei Berufseinstellungen, wenn die Kandidatin oder der Kandidat kein perfektes Hochdeutsch spricht und damit weniger seriös wirkt. Es gibt amerikanische Studien, die Bewerbungsgespräche analysierten und solche Zusammenhänge nachwiesen.