Der Countdown (XI) Und dann bricht das ganze System zusammen

Brexitkolumne

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

In Großbritannien gibt es nicht genug Ärzte - und viele ausländische Mediziner laufen jetzt schon davon. Kollabiert im Zuge des Brexit das britische Gesundheitssystem?

Brexit-Kolumne von Alexander Menden, London

Bald will die britische Regierung die Ausstiegsverhandlungen mit der EU eröffnen. Unser Londoner Kolumnist beschreibt, wie der bevorstehende Brexit jetzt schon den Alltag verändert.

Keine der fünf Ärztinnen in unserer Hausarztpraxis ist Britin. Sie kommen aus Spanien, Nigeria, Indien, Bulgarien und Hongkong. Alle sind hervorragend ausgebildet und bewältigen ihr immenses Arbeitspensum professionell und freundlich.

Wenn es nach Jeremy Hunt geht, wird diese Besetzung keinen Bestand haben. Gesundheitsminister Hunt möchte, dass der Prozentsatz britischer Ärzte im Gesundheitswesen rapide steigt. Dr. Sanchez und Dr. Okonedo wären dann überflüssig.

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Wie Eisenbahn oder Royal Mail ist der National Health Service, kurz NHS, eine Einrichtung, auf die alle schimpfen, aber trotzdem stolz sind. Hauptunterschied zu Eisenbahn und Royal Mail: Der NHS ist noch nicht privatisiert. Von Steuergeldern finanziert und für jeden Ansässigen gratis nutzbar, ist er die letzte große sozialdemokratische Errungenschaft der Nachkriegsjahre.

Den Status des NHS als Gemeingut nutzte die Brexit-Presse vor dem Referendum, um Stimmung gegen seinen "Missbrauch" durch EU-"Gesundheitstouristen" zu machen. Dass die meisten EU-Ausländer als Steuerzahler ein Recht auf Behandlung hatten, dass sich große Vorteile durch den Zuzug qualifizierter Mediziner aus der EU ergaben - geschenkt.

Die berüchtigtste Lüge der Leave-Kampagne war eine NHS-Lüge: "Jede Woche schicken wir 350 Millionen Pfund an die EU - lasst sie uns stattdessen unserem NHS geben!" stand in weißen Lettern auf einem roten Wahlkampfbus. Bekanntlich wurde dieses Versprechen am Tag nach dem Referendum kassiert.

Das ist doch krank

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Viele Tories mochten den National Health Service nie, weil sie wie alle Gesellschaftsbereiche auch das Gesundheitswesen gerne den Marktgesetzen unterwerfen würden. Jeremy Hunt verfolgtt zurzeit eine Privatisierungsagenda, indem er ein unterfinanziertes und deshalb von einer Krise in die nächste torkelndes System stückweise durch kommerzielle Anbieter zu ersetzen beginnt.

Zugleich nutzt er, obwohl ursprünglich ein "Remainer", seine Position für eine kompromisslose Brexit-Politik: Ausländische Ärzte raus, heimische Kräfte rein - 1500 neue britische Mediziner sollen in Zukunft pro Jahr im NHS starten. Dass dafür viel zu wenige Ärzte und Pfleger in Großbritannien ausgebildet werden, um die 100 000 Ausländer im NHS (davon mehr als die Hälfte aus der EU) zu ersetzen, scheint Hunt nicht zu stören.

Vier von zehn EU-Ärzten überlegen ernsthaft, ob sie in ihr Heimatland zurückkehren

Mit einer deutschen, in Großbritannien arbeitenden Ärztin in der Familie kann man in dieser Frage kaum unparteiisch bleiben. Aber man kriegt auch mehr von den Geschehnissen hinter den Kulissen mit als der Durchschnittspatient. Und da ist die Stimmung schlecht, speziell unter Ärzten aus der EU.

Die kontinentaleuropäischen Krankenschwestern haben bereits erste Konsequenzen gezogen. Seit dem Referendum haben 2700 von ihnen den NHS verlassen. Neurekrutierungen aus der EU sind in derselben Zeit um 92 Prozent eingebrochen.

Seit dem Referendum fühlen sich auch die europäischen Ärzte deutlich weniger geschätzt. Eine Kollegin hat eine Krankenhausstelle in Cambridge für eine in Glasgow aufgegeben. Die Schotten, mit ihrem unabhängig von England verwalteten NHS, meint sie, seien EU-freundlicher. Eine andere, die nie glaubte, noch mal irgendwo anders zu arbeiten als in England, ist gerade nach Finnland zurückgezogen.

Vier von zehn EU-Ärzten überlegen ernsthaft, ob sie in ihr Heimatland zurückkehren. Auf die Frage, was es für das Gesundheitssystem in England und Wales bedeuten würde, wenn sie es täten, antwortet ein Oberarzt: "Ganz einfach: Dann bricht es zusammen."