Comic-Salon in Erlangen Einheit in Vielfalt

Frauen werden verschlungen, Libellen greifen an: Der Comic-Salon in Erlangen zeigt den grafischen Output des arabischen Frühlings und setzt damit ein Zeichen von politischem Engagement, wie es in der nerdlastigen Comic-Szene nicht selbstverständlich ist. Die Künstler selbst aber äußern Misstrauen gegenüber den großen Themen.

Von Christoph Haas

Klein und überschaubar war die Welt der Comics früher, zumindest für deutsche Leser. In den USA gab es Superhelden und freche Underground-Publikationen, in Belgien Klassiker wie "Tim und Struppi', und Frankreich galt als die Heimat des anspruchsvollen Erwachsenen-Comics. Dazu kamen ein paar Künstler aus Italien und Spanien - das war es schon. Die einheimischen Zeichnerinnen und Zeichner konnte man an zwei Händen abzählen, und davon, dass in Japan Comics eine große Rolle spielen sollten, wusste man nur vom Hörensagen.

Inzwischen sieht das anders aus. Deutsche Comics sind kein Exotikum mehr, und Mangas erreichen hohe Auflagen. Wie wenig wir dennoch nach wie vor über Comics als globales Phänomen wissen, das konnte man, verblüfft und beglückt zugleich, am vergangenen Wochenende beim 15. Erlanger Comic-Salon erfahren. Inspiriert vom Arabischen Frühling, widmete sich die Hauptausstellung diesmal Comics aus dem Maghreb und Ägypten, aus Syrien, dem Libanon und Palästina.

Das war einerseits ein Zeichen von politischem Engagement, wie es in der nerdlastigen Comic-Szene nicht selbstverständlich ist. Andererseits war es wunderbar zu sehen, dass die ausgestellten Arbeiten keinerlei politischen oder kulturellen Bonus benötigten: Sie waren nicht nur von vielfältiger Machart, sondern durchweg von so hoher, teilweise außerordentlicher künstlerischer Qualität, dass es schwer fällt, einzelne Künstler herauszustellen.

Skelette in Uniform

Besonders ins Auge stachen allerdings die Blätter der libanesischen Zeichnerin Zeina Abirached, deren autobiographische Comics ihre Kindheit im vom Bürgerkrieg zerrissenen Beirut der achtziger Jahre schildern. In der Verwendung scharfer Schwarzweißkontraste und in ihrer Art, Figuren zu zeichnen, erinnert Abirached auf den ersten Blick an Marjane Satrapi.

In ihrem grafischen Einfallsreichtum ist sie der Autorin von "Persepolis" aber noch überlegen. Wie sie die kindliche Wahrnehmung von Räumen - ein Zimmer, eine Straße, eine Stadt - zeichnet, wie sie mit den Gegensätzen von Fülle und Leere operiert, wie sie in aufeinanderfolgenden Panels mit kleinen Veränderungen große Wirkungen erzielt - das zeugt von einem sehr großen Talent. Diese Künstlerin sollte unbedingt einen deutschen Verlag finden!

Politische und soziale Konflikte wurden in den ausgestellten Comics teils erstaunlich offen, teils verschlüsselt angesprochen. In einer Kurzgeschichte des Tunesiers Aladin Abu Taleb skandieren Demonstranten: "We are not dead people!" Am Schluss wird aber deutlich, dass in ihren Kleidern nur Skelette stecken, genauso unter den Uniformen der Polizisten, die sie brutal zusammenknüppeln.

Der marokkanische Zeichner Brahim Raïs zeigt in seiner Graphic Novel "Les Passants", die ganz ohne Worte auskommt, alptraumhafte Szenen eines Bürgerkrieges: gesichtslose Menschen, die wie tote schwarze Ameisen verkrümmt auf dem Boden liegen; Kampfhubschrauber, die bösartigen Libellen gleichen. Bittere Kommentare zur Lage der jungen arabischen Frauen sind die Kurzgeschichten der Algerierin Rym Mokhtari. In "Épines" ( deutsch: "Stacheln") entledigt sich eine winzige Frau eines Kaktuskostüms, steht nackt da - und wird sofort von einem riesigen Mann verschlungen.

Das Manga gehört zu Deutschland

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