Buchkritikerin auf Youtube Sehrsehrsehr lustig! Lest es!

"Beim ,Literarischen Quartett' hatten sie Ahnung. Ich habe meine Fans und meinen Umsatz", sagt Sara Bow.

(Foto: Sara Bow)

Sara Bow ist Booktuberin. Sie sagt Leuten auf Youtube, was sie lesen sollen - und verdient damit Geld. Die junge Unternehmerin erreicht Massen übers Netz.

Von Tim Neshitov

Sara Bow, eine 21-jährige Unternehmerin aus München, hat im Monat Mai elf Bücher gelesen. Unter anderem: "Die Magie der kleinen Dinge" von Jessie Burton, 480 Seiten; "Schau mir in die Augen, Audrey" von Sophie Kinsella, 384 Seiten. "Unearthly - Dunkle Flammen" (432 Seiten) und auch "Unearthly - Heiliges Feuer" (400 Seiten), beide Titel von Cynthia Hand. "Schnee wie Asche" von Sara Raasch, 464 Seiten. "Hope Forever" von Colleen Hoover, 528 Seiten . . .

Insgesamt 4200 Seiten in einem Monat. Damit widerlegt Sara Bow das Klischee, die Jugend von heute lese keine Bücher mehr und sei ausschließlich damit beschäftigt, Sachen zu posten und zu liken. Sara Bow liest nicht nur viel, sie erzählt auch darüber, und zwar auf Youtube. Menschen, die das tun, heißen "Booktuber". Die Gattung boomt in den USA und in Großbritannien, und auch in Deutschland gibt es immer mehr Booktuber, wobei niemand weiß, wie viele genau. Die meisten scheinen Frauen unter dreißig zu sein, die gerne Fantasy-Reihen lesen. Einige, wie Sara Bow, haben aus ihrer Leseleidenschaft zudem ein Geschäft gemacht.

Literaturkritik auf Youtube unterscheidet sich vor allem in einem Punkt von Rezensionen in Zeitungen und Magazinen, die noch professionelle Literaturkritiker beschäftigen: Das Youtube-Urteil basiert meistens auf Geschmack, selten auf Analyse. Als mündliches Genre ist diese Kritik zudem direkter in der Ansprache.

Bei Sara Bow klingt Literaturkritik so: "Mir hat das Buch sehrsehrsehrsehrsehr gut gefallen", (über "Die Magie der kleinen Dinge"). "Spielt in Amsterdam, und - ja. Sehrsehrsehr lustig, also, keine Ahnung, es ist so: Es ist nicht lustig, aber die Wendung ist lustig, irgendwie - ja. Aber das Buch ist eigentlich nicht lustig. Es ist eher ein bisschen traurig, nicht traurig, aber: Lest es! Es ist wirklich super gut."

Hauptberuflich ist Sara Bow Fashion-und-Beauty-Bloggerin. Sie testet Kleidung und Make-up und bewertet Produkte in ihrem Blog und auf ihrem Youtube-Kanal. Wird ein Lippenstift über ihren Kanal verkauft, verdient sie daran mit. In der nichtdigitalen Wirklichkeit bildet sie Visagisten aus und gibt Bloggerseminare an Hochschulen und in Unternehmen. Sie beschäftigt fünf Angestellte und ist gerade dabei, ein Haus in München zu bauen. Als sie vor drei Jahren ihr Gewerbe beim Finanzamt Freising anmeldete, gab's ein Problem: Sie wollte sich als Bloggerin melden, aber so was ist nicht vorgesehen in Freising. Sie wurde als Handwerker aufgenommen.

Sara Bow erhebt nicht den Anspruch, eine neue Gattung der Literaturkritik zu etablieren. "Beim ,Literarischen Quartett' hatten sie Ahnung. Ich habe meine Fans und meinen Umsatz", sagt sie bei einem Treffen in ihrer Wohnung unweit des Münchner Flughafens (sie ist für die Modedrehs viel unterwegs).

Für jedes Buch, das dank ihr auf Amazon verkauft wird, erhält sie eine Provision

Ihre Bücherregale sehen von Monat zu Monat unterschiedlich aus. Verlage schicken ihr kostenlos Neuerscheinungen zu, in der Hoffnung, Beachtung zu finden, und Sara Bow sucht sich aus, welches Buch sie vor die Kamera hält und welches nicht. Für jedes Buch, das dank Sara Bow bei Amazon verkauft wird - man kann die Kaufspur über Links zurückverfolgen - erhält sie eine Provision von sechs bis sieben Prozent des Kaufpreises. Die Provisionen für Lippenstifte liegen zwar höher, bei bis zu zwanzig Prozent, und auch das Publikum für Büchervideos hält sich in Grenzen, aber sie sagt, sie verdiene mit ihren Büchervideos jeden Monat an die 800 Euro.