Bob Dylans neues Album "Shadows in the Night" Schmalzgebackenes aus der Kinderzeit

Sein eigener Vorfahr: Bob Dylan, hier vor ein paar Jahren beim Empfang im Weißen Haus.

(Foto: Jason Reed/Reuters)

Bob Dylan ist mit seinem 36. Album in der Nostalgie-Sackgasse angekommen. Dort, wo ein Woody Allen seit Jahrzehnten feststeckt. Doch für den Sänger gibt es Hoffnung.

Von Karl Bruckmaier

Wenn es stimmt, dass sich die Zellen des menschlichen Körpers alle sieben Jahre komplett erneuern, dann ist Bob Dylan seit seinem kreativen Comeback zu Beginn der Neunzigerjahre bereits dreimal ein anderer geworden. Seine spirituelle Wiedergeburt durften wir zwei Runderneuerungen davor bezeugen; und dass man ihn "Stimme einer Generation" genannt hat, ist jetzt schon sieben solcher Zyklen her.

Um aber sein aktuelles Album "Shadows in the Night" (Columbia) besser verstehen zu können, müssen wir in genau jene Zeit zurückgehen, müssen wir sogar nochmals zwei solcher Umdrehungen der Zelluhr nachvollziehen, bis wir einem kleinen Jungen begegnen, der nachts in seinem Bett irgendwo im Norden Minnesotas liegt, unweit der kanadischen Grenze, und Radio hört, während die anderen im Haus schon lange schlafen:

"Spätnachts kamen dann auch Sender rein, die so Vorläufermusik von Rock'n'roll spielten, Jimmy Reed vielleicht. In Chicago schien es einen Sender zu geben, der war auf Hillbilly-Musik spezialisiert, und aus Nashville kam vielleicht ein Fetzen aus der Grand Ole Opry durch den Äther. Ich habe jedenfalls Hank Williams noch zu seinen Lebzeiten gehört. Und dann die Staple Singers, "Uncloudy Day", Mann . . ."

Das erzählt Bob Dylan gerade den Lesern der Mitgliederzeitschrift des AARP, einer Pensionistenvereinigung in den USA, von denen demnächst 50 000 zufällig ausgewählte Mitglieder ein Gratis-Exemplar von "Shadows in the Night" in der Post finden werden, Dylans 36. Studioalbum.

Wenn Dylan seinerzeit wie Prousts Protagonist in der "Suche nach der verlorenen Zeit" eine mitternächtliche Parallelwelt in seinem Kinderzimmer aufrichtet - hier fremdartige Lieder statt Bilder der Laterna Magica -, dann ist dies keine Welt aus Angst, sondern eine Welt voller Zukunft (was nicht heißt, dass man vor der keine Angst haben müsste!).

Etwas Neues, das noch keinen Namen hat

Klein-Robert findet schnell heraus, dass etwa Mavis Staples fast gleichaltrig ist, dass, soweit sein Radio reicht, etwas gärt und sich ändert und anbricht, etwas Neues, das noch keinen Namen hat: Denn der Name, den dieses Neue einst tragen wird - Pop - der ist noch an eine ganz anders geartete Musik vergeben.

Die spuckt eine perfekt mit Schlangenöl abgeschmierte Emotionsindustrie aus; Wohlfühlmusik, die für Shows, Musicals, Nachtclubs, die für das urbane Nachtleben bestimmt ist, das von dem einsamen Kinderbett am Rande des Lake Superior etwa so weit entfernt ist wie die Ukraine, wo Dylans Großeltern herstammen.

Die Songs heißen "Some Enchanted Evening" oder "Lucky Old Sun" und werden von Profis namens Rogers, Hammerstein oder Irving Berlin für die Perry Comos oder Doris Days dieser Welt voller Cocktailgläser und Abendkleider maßgeschneidert.