Baquiat-Ausstellung in Frankfurt Der Kunstjunkie

Basquiat war ein von Traumata getriebener Besessener. Er schlief mit Madonna und schnupfte Drogen im Wert von 500 Dollar - täglich. Eine Ausstellung zeigt den Künstler im Fegefeuer der Selbstzerstörung.

Von Till Briegleb

Das New York der Achtzigerjahre hat den Nimbus der perfekten Kunstbrutstätte. Eine Stadt am Rande der Insolvenz, in der billige Mieten und superreiche Sammler vorhanden waren, wo die pulsierende Sehnsucht nach Glamour auf die hysterische Suche nach Genies traf. Verfallende Gebäude boten einer Invasion an Provinzflüchtlingen Unterschlupf und Nischen für Clubs, Ateliers und Galerien. SoHo galt als das Harvard der Outsider mit Kunstanspruch, die davon träumten, wie die Reichen in Limousinen herumzufahren, die Taschen voll Bargeld zu haben und mit einem Lächeln vom Türsteher begrüßt zu werden.

Big Apple war eine Ruine der Stadtkultur, die jedem die Chance bot, sich auszuprobieren, der bereit war, mit herumfliegendem Müll, Gewaltkriminalität und Gelegenheitsjobs zu leben. Es war die Ära von Blondie, Rap und den Lounge Lizards, aber auch von Ronald Reagans Umverteilung von unten nach oben. New York war Heimat der Drogen und der partygetriebenen Tag-Nacht-Umkehrung, der explodierenden Kunstmarktpreise wie der alltäglichen Angst. Dies war der perfekte Ort für Jean-Michel Basquiat, der unbedingt berühmt sein wollte - und daran dann auch starb.

Die heutige Wahrnehmung von Basquiats Kunst, die nun mit der ersten großen Retrospektive in Deutschland seit 1986 in der Frankfurter Schirn gezeigt wird, unterliegt ohne diesen Hintergrund vermutlich der Gefahr, nur Geschmacksurteile zu produzieren. Denn die starkfarbigen, cartoonesken Zeichencollagen aus bunten Masken, Wortlisten, Bildfragmenten und wilden Linien lösen oberflächlich betrachtet wohl nur Nostalgie aus. Basquiats Bildsprache drückt wie kaum eine andere Kunst dieser Zeit jene poppige Euphorie aus, die viele an ihre eigenen wilden Jugendtage erinnern mag, als sie auch mal Drogen probiert und Telefonzeichnungen gekritzelt haben, die sie "genial" fanden.

Aber die fortlaufende Erzählung eines Zwanzigjährigen über das freibeuterische Leben in einer aggressiven Umgebung, aus der nur Erfolg und Geld befreien konnten, ist gar nicht so fröhlich. Obwohl Basquiat die zehn Jahre rastloser Kunstproduktion zwischen 17 und 27 Jahren durchgehend unter dem Einfluss jener froh stimmenden Substanzen stand, die als ein Cocktail aus Opiaten und Kokain am 12. August 1988 seinen Tod herbeiführten, war seine Kunst kein Pop. Sie war vielmehr der Ausdruck des ersten schwarzen Künstlers überhaupt, der in einer Stadt, in der für Schwarze keine Taxis hielten, ein Superstar wurde, der aber auf der Leinwand ständig Traumata verarbeitete.

Die Ursachen seiner Narben am Gesäß und auf der Brust zum Beispiel wurden zu einem wiederkehrenden Motiv. Als Siebenjähriger überfuhr ihn ein Auto, und seine Milz musste entfernt werden, was sich in der lebenslangen Beschäftigung mit Ambulanzen, Organen und Unfällen niederschlug. Für die tägliche Erfahrung der körperlichen Verletzlichkeit aber sorgte sein Vater, der seinen Sohn ständig mit Gürteln blutig schlug und ihm schließlich ein Messer in den Hintern stieß.

Doch es ist nicht nur die persönlich erlebte Gewalt eines schwarzen Mittelklassejungen mit außergewöhnlichem Talent, die er auf seinen Bildern thematisierte. Basquiat, der nach der Messer-Attacke von Zuhause floh, lebte danach lange ohne eigene Wohnung, schlief auf dem Washington Square und bei Szene-Freunden und startete von hier aus seine Künstlerkarriere mit dem Sprühen kurzer Sätze auf Häuserwände, die er mit "SAMO ©" signierte.

Schon hier findet sich jene Kombination aus politischer Sensibilität, die die Schattenseiten der weißen Konsumkultur karikiert, und cleverer Selbstpromotion, die Basquiat mindestens so genial beherrschte wie sein Formenrepertoire. "SAMO © as an end of ..." begannen viele der Statements gegen rassistische Fernsehserien, blasierte Avantgarde-Künstler oder gegen prügelnde Polizei.

Sein titanischer Hunger nach Ruhm, Geld und Anerkennung fand Sättigung durch einen kalkulierenden Egoismus. Er wechselte Galeristen und Freunde abhängig von dem Nutzen, den sie ihm brachten. Und er hinterließ eine Legion gebrochener Herzen von Frauen und Männern, die trotz der tiefen Verletzungen, die er ständig ohne Reue verursachte, ihm die liebende Treue hielten. Denn Basquiat besaß einen bezwingenden Charme, sah wahnsinnig gut aus und betörte mit seiner expressiven Kunst, die so ungeheuer leicht und schnell entstand, sofort jeden Betrachter. Der Kunstjunkie mit den Dreadlocks und der Zahnlücke war selbst im Exzentriker-Paradies von Downtown Manhattan, wo sich auch Julian Schnabel und Grace Jones, sein Mentor, Idol und Malpartner Andy Warhol oder seine Kurzzeitfreundin Madonna exponierten, etwas Außergewöhnliches.

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Die von Eleanor Nairne für die Londoner Barbican Art Gallery eingerichtete Schau "Boom for Real", die mit dem Schirn-Kurator Dieter Buchhart in Frankfurt fortentwickelt wurde, reagiert auf die Gefahr der Fehlinterpretation als Pop-Darling mit einer textlastigen Ausstellung. Da dreißig Jahre nach Basquiats Tod die Verklärung der Reagan-Ära als Kunst-Elysium im öffentlichen Bewusstsein gelungen ist, versuchen die Wandtexte wie der Katalog, die Geschichte etwas realistischer darzustellen. Vor allem ist das Bemühen stark, die Schichten der intellektuellen Auseinandersetzung Basquiats unter dem Mosaik kultureller Bildeinflüsse seiner Zeit freizulegen.

Basquiats Beschäftigung mit dem Jazz, mit afrikanischer Kultur, aber auch mit den Zeichensystemen von Außenseiterkulturen wie den Hobos, also der amerikanischen "Landstreicher", wird in den verwirrenden Symbolsystemen seiner großformatigen Kompositionen ebenso hervorgehoben wie seine politischen Verbindungslinien, etwa in dem Gemälde "Jesse". Indem Basquiat ein Bezugssystem zwischen den jüdischen Erfindern von "Superman", dem Herrenmenschenglauben der Nazis und dem dabei "störenden" Weltrekord des schwarzen Leichtathletikstars Jesse Owens bei den Olympischen Spielen 1936 in Hitler-Deutschland aufbaut, stellt er für seine Zeit sehr aktuelle Fragen: nach Respekt und Selbstüberhöhung, Themen, die das geschichtliche Geschehen mit seinen eigenen Ängsten verbinden.

"Boom for Real" reflektiert aber auch die Geburtsstunde der Zeichenüberreizung, wie sie sich in Basquiats Welt als Reflex auf die neue Kultur der Gleichzeitigkeit zeigt. In seinem Atelier liefen Fernseher und Plattenspieler parallel, Bücher und Zeitschriften, die seine Assistenten kiloweise anschleppen mussten, bedeckten den Boden. Auch die Nachtkultur mit ihrem ständigen Fließen zwischen Clubs und Vernissagen lieferte reiche Motive für den neuen Schnellsprech der Impulse. Basquiats Poesie der Andeutungen gewinnt ihre Überwältigungskraft nicht zuletzt dadurch, dass er die ihn begeisternde Unterhaltungskultur in ihrer ganzen Unruhe begriff und in diesem Zustand der Hypererregung fixierte. Aber Basquiats verschmelzendes Kulturparadies schwamm auf dem Fegefeuer der Selbstzerstörung. Schon bald nach seinem phänomenalen Durchbruch Anfang der Achtziger konsumierte er Drogen im Wert von 500 Dollar - täglich.

Seine ständige Kritik an einer weißen Hegemonialkultur, die bis in den Alltag reicht, ging stets einher mit dem unbedingten Willen, zu dieser Welt dazuzugehören. Basquiat war wie ein Ruderer auf dem See in einem lecken Boot, der sich ständig entscheiden muss, ob er das Loch stopft oder doch versucht, ans Land zu kommen. Und diese hocherregte Tragik hat zu dem wilden Werk geführt, das die Energie seiner Epoche in ihrer Schönheit wie Zerstörungskraft einfing. Auch heute noch liefert dieses extrem ambivalente Abbild der Achtzigerjahre-Schwellenkultur ein Punkkonzert der Widersprüche, bei dem man sich lange verlieren kann. Das morbide New York von damals existiert zwar nicht mehr. Die Konflikte brüten aber weiter wie das Werk des Jean-Michel Basquiat.

Basquiat. Boom For Real, Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main. Bis 27. Mai. Katalog (Prestel Verlag). 49,95 Euro. Info: www.schirn.de

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