Autobiografie der Nazi-Jäger Klarsfeld Die wahre Antifa

Zwei gegen die braunen Schergen

Beate Klarsfeld ist in Deutschland vor allem für die Ohrfeige bekannt, die sie im November 1968 dem sehr höflichen Kurt Georg Kiesinger verpasste. Eindrücke aus dem Leben der Nazi-Jäger. mehr... Bilder

Als die Deutschen nur vergessen wollten, jagten Beate und Serge Klarsfeld Altnazis. Jetzt haben sie ein Buch mit ihren Erinnerungen geschrieben.

Von Tim Neshitov

Es ist anzunehmen, dass ohne den Einsatz von Serge und Beate Klarsfeld viele NS-Verbrecher einen gemütlichen Lebensabend genossen hätten. Das hätte zwar, so bitter das ist, die Mehrheit der Deutschen (und nicht nur der Deutschen) nicht weiter gestört, aber es wäre trotzdem falsch gewesen. Serge und Beate Klarsfeld mussten sich in den Sechziger-, Siebziger-, Achtzigerjahren schon sehr ins Zeug legen, damit Zeitgenossen wie Kurt Lischka, Klaus Barbie oder Herbert Hagen vor Gericht gestellt wurden. Und wären die Herren nicht vor Gericht gestellt worden, so war dieses deutsch-französische Paar bereit, sie eigenhändig zu bestrafen.

Er, Historiker, Anwalt, Sohn eines französischen Widerstandskämpfers, eines Juden. Serge Klarsfelds Vater schlug einem Aufseher in Auschwitz ins Gesicht und wurde dort ermordet. Sie, Journalistin, Tochter eines Berliner Versicherungsangestellten, der an der Ostfront gekämpft hatte. Sie lernten sich in Paris am Metro-Bahnsteig kennen an dem Tag, an dem der Mossad Adolf Eichmann entführte. Der 11. Mai 1960, ein Zufall.

Kurz nachdem sie ein Paar geworden waren, begannen die Klarsfelds ihren Kampf für verspätete Gerechtigkeit, als hätten sie nur auf diese Begegnung am Bahnsteig gewartet. Sie waren in diesem Kampf zu vielem bereit, zu sehr vielem, wenn man ihrer nun auf Deutsch erschienenen Autobiografie glauben darf. Dieses Erinnerungsbuch, das den schlichten Titel "Erinnerungen" trägt (Piper, 624 Seiten, 28 Euro), ist erhellende und gleichzeitig spannende Lektüre. Es liest sich wie eine Anklageschrift, ein Kriminalroman, eine Liebesgeschichte, eine Abrechnung mit Zeitgeistern, ein Aufruf an die kommenden Generationen.

Kennengelernt am Tag, an dem der Mossad Eichmann schnappte: die Klarsfelds 1979 in Köln.

(Foto: Wilhelm Leuschner/dpa)

"Wir haben aus unseren Erfahrungen gelernt, dass es möglich ist, über sich selbst hinauszuwachsen", schreiben die Klarsfelds. "Unsere Leser werden feststellen, dass wir dazu imstande waren und dass auch sie es sein werden, wenn es nötig ist."

Beate haut dem Bundeskanzler eine runter

Als sie sich kennenlernten, war Beate Klarsfeld ein Au-pair-Mädchen, 21 Jahre alt. Sie wusste wenig über den Holocaust, denn man lernte damals so etwas nicht in den Schulen West-Berlins. Serge, vier Jahre älter, wusste viel über den Holocaust, aber so gut wie nichts über Juden. Sie hatten jedenfalls nicht vor, ein halblegales Leben ohne sicheres Einkommen zu führen, als "Ritter des guten Gedächtnisses", wie sie sich in ihrer Autobiografie etwas pathetisch ausdrücken.

Beate Klarsfeld spricht längst Deutsch mit französischem Akzent, sie ist 76 Jahre alt und in Deutschland vor allem für die Ohrfeige bekannt, die sie im November 1968 auf einem Parteitag der CDU dem sehr höflichen Kurt Georg Kiesinger verpasste ("Nazi, Nazi!"). Kiesinger war ein ehemaliger NS-Propagandist, der zwei Jahre zuvor Bundeskanzler geworden war. Beate Klarsfeld bekam für ihre Ohrfeige einen Blumenstrauß von Heinrich Böll, viel Altherrenhäme in den Medien und eine Gefängnisstrafe von einem Jahr, die sie jedoch als französische Bürgerin nicht antreten musste, da die Richter einen internationalen Skandal befürchteten.

Was die Klarsfelds in den folgenden Jahren unternahmen, war weniger spektakulär, aber zum Teil folgenreicher. Man muss sich, um die Lebensaufgabe der Klarsfelds zu verstehen, noch einmal vergegenwärtigen, in was für einer Gesellschaft ein Kurt Lischka sich nach dem Krieg feinbürgerlich einrichten konnte, und zwar sehr lange nach dem Krieg, bis ins Jahr 1970.

Blond, über einen Meter neunzig groß

Lischka war ein Kölner Unternehmer, international aufgestellt, Getreidehändler. "K. Lischka" an der Tür, "Kurt Lischka" im Telefonbuch, Aktentasche aus Leder, langer Mantel. Er fuhr Straßenbahn, rauchte auf dem Weg zur Haltestelle.

Kurt Lischka, Gestapo-Chef von Paris. Verantwortlich für die Deportation von Zehntausenden französischen Juden in die Konzentrationslager Osteuropas. Bereits vor dem Krieg, mit nicht einmal dreißig Jahren, hatte er das Judenreferat der Gestapo im "Dritten Reich" geleitet und war zuständig für die Massenverhaftungen nach der Pogromnacht vom 9./10. November 1938 gewesen. Später: Gestapo-Chef in Köln. Blond, über einen Meter neunzig groß.