Ausstellung "Wien Berlin" Zum Schönen gezwungen

Franz Lerch: "Mädchen mit Hut", 1929.

(Foto: Belvedere, Wien)

Teils stundenlang standen die Berliner zur Eröffnung der Ausstellung "Wien Berlin: Kunst zweier Metropolen" an. Viele hatten Wowereit zum Auftakt erwartet. Doch der kam nicht, wegen Flughafen-Problemen. Und verpasste umwerfende Arbeiten.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

Berlin kann bisweilen sehr wunderlich sein. In der Berlinischen Galerie bekommt am Mittwochabend zur Eröffnung der neuen Ausstellung eine flammend rothaarige ältere Dame im Zuschauerraum einen mittleren hysterischen Anfall, weil ihre Nebensitzerin die Eröffnungsreden mit einem Aufnahmegerät aufnimmt - und ihr persönlich doch tatsächlich keinen Presseausweis vorzeigt. Dafür kommt der Regierende Bürgermeister trotz Ankündigung gar nicht erst zur Eröffnung. Klaus Wowereit sitze fest. Wie die Anwesenden doch sicherlich wüssten, gebe es eine BER-Aufsichtsratssitzung seit 10 Uhr morgens, wird stattdessen verkündet.

Berlin kann aber auch ganz zauberhaft sein. Vom frühen Abend bis tief in die Nacht tummeln sich hier viele Hundert Kunstfreunde, um sich angeregt an den etwa 200 Bildern der Ausstellung "Wien Berlin: Kunst zweier Metropolen. Von Schiele bis Grosz" zu ergötzen.

Weil es sich um Kunstwerke von der Secession bis zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten handelt, ist das alles nicht neu und war - bis auf wenige Ausnahmen - auch anderswo schon zu sehen. Und die Kombination Wien-Berlin ist nun auch keine, die zwingend ein Massenpublikum hinterm Ofen hervorlocken müsste. Trotzdem stehen Besucher noch bis in die Nacht an, um in einzelne Räume hineingelassen zu werden; Ordner müssen dafür sorgen, dass der Andrang pro Rundgang nicht zu groß wird. Das liegt unter anderem daran, dass die Berliner sich für ihre Stadt interessieren - und für deren Widerhall in Kunst, Medien und Kultur. Und dass sie ein offenes Völkchen sind. Wie man dann auch an der Ausstellung und im Vergleich mit Wien noch einmal deutlich erkennt.

"Volk ohne künstlerische Instinkte"

Doch erst einmal muss Wowereits Vertretung, Sigrid Klebba in ihrer Funktion als Berliner Staatssekretärin für Bildung, die Ausstellung eröffnen. Sie tut das mit den Worten: "Ich darf Ihnen die herzlichsten Grüße des Regierenden Bürgermeisters überbringen, der ganz sicherlich viel lieber bei dieser Ausstellungseröffnung wäre ...". Die letzten Silben gehen im Gelächter des Publikums unter. Kein argwöhnisches Lachen, sondern ein versöhnliches, verständiges. Kein Lachen, das auch nur ansatzweise Ärger darüber anzeigen würde, dass die aktuelle Kostenexplosion des BER noch einmal alle bisherigen Horrorszenarien übertrumpfen soll, sondern ein Lachen a la "Gut, dass ich mich selbst nicht um dieses Desaster kümmern muss - der Arme". Die Berliner sind eben an Pleiten, Pech und Pannen gewöhnt.

Und sie sind auch an Berlin-Bashing gewöhnt. "Dort lebt ein Volk ohne künstlerische Instinkte", urteilte einst die Wiener Journalistin und Kunstkritikerin Berta Zuckerkandl, wie Klebba verlas. "Ein Volk mit zersetzender, nutzenabwägender Verstandesart, fremd dem heiteren Zug der Phantasie. Es muss sich förmlich zum Schönen zwingen, um eine Empfindungsfähigkeit zu erlangen, welche der Wiener aufgrund seiner Veranlagung von Hause aus besitzt. Aber diese Leute haben an sich gearbeitet. Sie haben mit Macht alles Fremde an sich gerissen, um zu sehen und zu lernen. Und so hat Verstandesarbeit bessere Resultate ergeben als Talent." Soweit das doch ein wenig vergiftete Lob der damaligen Kunstkritikerin. Dazu muss man wissen: Die alte Kaiserstadt Wien hatte gerade ihren Rang als führende Kunststadt an den Newcomer Berlin als Reichshauptstadt abtreten müssen. Berlin war schwerst angesagt. Da kann man als Wiener Kulturinstanz schon mal ein bisschen säuerlich reagieren.

Die Ausstellung zeigt indes, wie sich beide Metropolen von der Jahrhundertwende bis zur Machtergreifung durch die Nazis künstlerisch entwickelten - nämlich auf sehr unterschiedliche Weise, aber dennoch stark verbunden.

Max Liebermann vs. Gustav Klimt

Erstmals werden zentrale Werke der Berliner und Wiener Moderne zusammen gezeigt, von den Secessionen über den Expressionismus bis zur Neuen Sachlichkeit. Die Secessionisten wollten zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Abkehr vom allzu akademischen Kunstbetrieb zwischen Jugendstilkunst und Spätimpressionismus bewegen. Neue künstlerische Ausdrucksmittel wurden gesucht, um den Aufbruch in die Moderne zu verkünden. Doch während sich die Berliner Künstler um Max Liebermann zunehmend der Alltagswirklichkeit widmen (schwer arbeitende Frauen, Bettler am Rande des Glanzes der Stadt) und die Erfahrungen mit der Großstadt aufs Papier bringen (Vergnügungsviertel, die neue burschikose Frau, junge Leute ohne Perspektive), dominieren bei den Wiener Kollegen um Gustav Klimt die ornamentale Form und das Symbolhafte.