Unternehmer Richard Branson Urlaub(t), wie es euch gefällt

Grenzenlose Freiheit - oder doch eher trügerische Freiheit? Milliardär Richard Branson führt eine "Non-Policy-Urlaubspolitik" ein.

(Foto: Reuters)

Freihaben, wann immer man will - und so lange man will. Ein Traum, den Unternehmer Richard Branson jetzt für ausgewählte Mitarbeiter wahr werden lässt. Doch in seiner Wohlfühl-Rhetorik steckt eine Drohung.

Von Johanna Bruckner

Spontan einen Tag freinehmen, weil der Abend vorher lang und feuchtfröhlich war? Of course. Eine Woche in die Berge düsen, denn der Schnee ist gerade jetzt perfekt? No problem. Einen ganzen Monat im Job aussetzen, um dem Kumpel nach Indien nachzureisen, der ständig so tolle Bilder auf Facebook postet? Go for it! So ähnlich könnten künftig Urlaubsverhandlungen in den Unternehmen von Richard Branson ablaufen. Denn der britische Milliardär, Abenteurer und Lebemann möchte auch seinen Angestellten mehr Freiheit ermöglichen - indem er eine "Non-Policy-Urlaubspolitik" einführt, wie er in seinem Blog ankündigt.

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Die Idee klingt aus Arbeitnehmersicht erst einmal toll: Den Urlaub nach Belieben gestalten können, nicht nur, was den Zeitpunkt anbelangt - auch die Länge sollen die Mitarbeiter selbst bestimmen dürfen. In einem Pilotprojekt will der Gründer der Virgin-Unternehmensgruppe, zu der unter anderem eine Airline gehört, zunächst ausgewählte Arbeitnehmer in den Genuss der neuen Regelung kommen lassen. "Ich gehe davon aus, dass es so gut klappt, wie erwartet; dann werden wir alle unsere Niederlassungen ermutigen, dem Beispiel zu folgen", schreibt Branson.

Vorbild für Bransons Pläne ist der amerikanische Streaming-Dienst Netflix. Dort hatten Angestellte angeregt, eine starre Urlaubsregelung sei vor dem Hintergrund entgrenzter Arbeitszeiten nicht mehr zeitgemäß. Die Internetfirma reagierte - und führte eine neues Modell ein, das Anwesenheitszeiten im Büro maximal flexibel handhabt. Der Unternehmer zeigt sich davon so begeistert, dass er sogar aus Netflix' "Reference Guide on our Freedom and Responsibility Culture" zitiert: "Wir messen Leute nicht daran, wie viele Stunden sie arbeiten oder wie oft sie im Büro sind."

Zu schön, um wahr zu sein?

Diese Philosophie will der 64-Jährige auch in seinen Unternehmen etablieren. Keine Urlaubsanträge mehr, dafür ein System des Vertrauens und der Selbstverantwortung. Hört sich zu schön an, um wahr zu sein? Tatsächlich gibt es ein Aber, das Branson so formuliert: Voraussetzung sei, dass sich Arbeitnehmer nur dann freinehmen, "wenn sie 100 Prozent sicher sind, dass sie und ihr Team bei jedem Projekt im Zeitplan liegen und dass ihre Abwesenheit das Unternehmen in keinster Weise schädigt - oder, wenn wir schon dabei sind, ihre Karrieren."

Letzteres klingt - bei aller Wohlfühl-Rhetorik - wie eine Drohnung. Und der gewiefte Unternehmer Branson wäre wohl auch nicht so begeistert von seiner Idee, wenn er sich davon nicht Vorteile verspräche.

In Deutschland, das ergab 2011 eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), verschenken Arbeitnehmer im Durchschnitt drei Tage ihres Jahresurlaubs. Besonders Jobeinsteiger verzichteten freiwillig auf Freizeit, so Studienleiter Daniel Schnitzlein, sie sähen darin eine Investition in ihre berufliche Zukunft. Wer ackert, kommt weiter, so der Glaube. Eine Untersuchung des Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) bezifferte die Gesamtmenge der verschenkten Freizeit pro Jahr einmal auf 75 Millionen Urlaubstage im Wert von neun Milliarden Euro.

Nun ist Deutschland ein Land mit einem sehr großzügigen gesetzlichen Urlaubsanspruch. In den USA und Großbritannien - hier sind die meisten von Bransons Firmen ansässig - steht Arbeitnehmern weit weniger zu. Ob die Virgin-Mitarbeiter die neue Freiheit zur Freizeit demnächst also ausnutzen, bleibt abzuwarten. Gut möglich scheint aber auch, das sie vor allem einem nutzt, weil sie womöglich gar nicht genutzt wird: Richard Branson.

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