Unis in Geldnot Das Leben ist eine Forschungslücke

Wissenschaftler sind ständig damit beschäftigt, Drittmittel zur Finanzierung ihrer Studien zu organisieren. Um an mehr Geld zu kommen, bieten Universitäten jetzt "Antragscoaching" an.

Von J. Schloemann

Geld ist nicht da, aber Geld kann man sich holen, mit etwas Geschick. Das ist die Überlebensformel des heutigen Universitätswissenschaftlers. Neben der eigentlichen Forschung, der er sich im Rahmen von Forschungszeitfenstern widmet, muss er sich vor allem zum Virtuosen der Rhetorik von Anträgen entwickeln. Mit diesen erhält man die magischen Drittmittel, also eine Förderung zeitlich begrenzter Projekte durch externe Organisationen, ob es sich nun um individuelle Vorhaben handelt oder um die Fünfjahrespläne der Exzellenzinitiative.

Ermüdender Job für Wissenschaftler: Nur wer genug Drittmittel für sein Forschungsvorhaben organisiert, kann seine Karriere an der Universität fortsetzen.

(Foto: dpa)

Durch das Antragschreiben wird die ganze Existenz des Wissenschaftlers zu einem einzigen dringenden Desiderat. Das Leben wird zur behaupteten Forschungslücke. Alles hängt davon ab: nicht nur der eigene Ruhm und Werdegang, denn auch die lokale Mittelvergabe, also die Finanzierung des Normalbetriebs, wird inzwischen, neben anderen Leistungskriterien wie dem Publikationsausstoß, von der Höhe eingeworbener Drittmittel abhängig gemacht. Das Mitmachen im Antragswettbewerb ist der Forscher allein schon den jungen Mitforschern schuldig, die dadurch temporäre Anstellungen erhalten.

Da war es nur eine Frage der Zeit, bis die Bewerbung um Fördergelder in den Universitäten akademisch professionalisiert werden würde. Bisher mussten die Forscher ihre existenzsichernde Dringlichkeitsprosa, die im Mantel wissenschaftlicher Objektivität daherkommt, aus eigener Schlauheit schreiben lernen. Dann boten erste Drittmittel-Fortbildungen Hilfe bei der Akquise an.

Nun aber hat die Goethe-Universität in Frankfurt am Main, wie sie stolz mitteilt, dafür "einen millionenschweren Fördertopf eingerichtet sowie ein bundesweit einmaliges Coaching-Angebot etabliert, das Nachwuchsforscher fit macht für das Verfassen von Anträgen bei wissenschaftlichen Fördereinrichtungen".

Das darwinistische Vokabular passt. Zum Bildungsangebot gehört ein "Antragscoaching", in dem "alle Fertigkeiten trainiert werden, die für einen erfolgreichen Antrag nötig sind". Für den Universitätspräsidenten gehört diese Wissenschaftsförderung dritter Ordnung zum "strategischen Konzept zur Zukunftssicherung unserer Hochschule". Und wann gibt es die ersten Professuren, Bachelorstudiengänge und Fachbereiche für Drittmittelantragsdidaktik?JOHAN SCHLOEMANN