Qualität von Führungskräften Was Macht aus Menschen macht

Chefs, die ihren Mitarbeitern nichts zutrauen und sie ständig unter Druck setzen, erzeugen genau die Grundhaltung, die sie unterstellen: Dienst nach Vorschrift, innere Kündigung.

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Kontrolliert, manipuliert, frustriert: Viele Mitarbeiter leiden unter ihren rücksichtlosen Chefs. Die Organisationspsychologin Myriam Bechtoldt erklärt im SZ-Interview, was einen guten Chef ausmacht und welcher Führungsstil sowohl den Mitarbeitern als auch dem Unternehmen guttut.

Von Harald Freiberger

Die Diplom-Psychologin Myriam Bechtoldt ist seit August Professorin für Organisational Behaviour an der Frankfurt School of Finance and Management. Dort bringt sie angehenden Bankern bei, auf die emotionalen Seiten des Arbeitslebens zu achten. Im Interview mit der SZ spricht sie darüber, wie wichtig zufriedene Mitarbeiter für Unternehmen sind - und was Vorgesetzte dafür tun können.

SZ: Frau Bechtoldt, Sie haben das Nachwort zu dem Buch "Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus" von Martin Wehrle geschrieben, in dem unzählige Beispiele zu finden sind, wie schlecht deutsche Führungskräfte mit ihren Mitarbeitern umgehen. Sind die Chefs wirklich so schlimm?

Bechtoldt: Offensichtlich. Das sind keine erfundenen Geschichten. Der Autor hat sie als Zuschriften von Lesern seines ersten Buches "Ich arbeite in einem Irrenhaus" bekommen. Manches klingt wirklich unglaublich. So hat ein Chef seinen Mitarbeiter gefragt, ob er nicht Punkte in der Flensburger Verkehrssünderdatei für ihn übernehmen könnte. Er müsse dazu nur angeben, dass er gefahren sei, als das Auto geblitzt wurde. Und es könnte sich auch positiv auf die Weiterbeschäftigung auswirken. Wer das Buch liest, wird den Eindruck nicht los, dass manche Führungskräfte skrupellose, menschenverachtende Zyniker sind.

Schaffen es nur Leute mit einer solchen Persönlichkeitsstruktur nach ganz oben?

Das mag vereinzelt so sein, aber viel wichtiger ist die Frage, was Macht aus Menschen macht. Die Forschung zeigt, dass Führungskräfte eigentlich eher positiv bewertete Persönlichkeitsmerkmale aufweisen: Sie sind extrovertiert, gewissenhaft, offen für neue Ideen und emotional stabil. Aber die Forschung zeigt auch, dass Personen ihr Verhalten ändern, wenn sie sich mächtig fühlen. Es ist oft weniger die Persönlichkeit als die Situation, die das Verhalten bestimmt. Sobald Menschen über Macht verfügen, werden sie viel impulsiver und denken viel weniger über ihr Handeln nach.

Mancher begründet das damit, dass er ja schnell und viel entscheiden muss.

Das spielt sicher eine Rolle, aber es kann keine Entschuldigung dafür sein, dass Menschen in Machtpositionen weniger Hemmungen gegenüber anderen Menschen haben, sich eher im Recht fühlen und auch berechtigt, andere zu verletzen. Sie legen an das Verhalten anderer höhere Maßstäbe an, während sie für sich selbst schon mal fünf gerade sein lassen.

Woran liegt das?

Das passiert unbewusst, man rutscht da so rein. Eine Rolle spielt der Gedanke, dass man ja so viel Verantwortung hat und deshalb im Recht ist. Ein Versuch hat gezeigt, dass Menschen in machtvollen Positionen eher Risiken eingehen. Das funktioniert sogar schon, wenn man sich eine mächtige Position auch nur vorstellt oder sich an eine Situation erinnert, in der man sich mächtig gefühlt hat: Sofort wird man optimistischer und macht sich weniger Gedanken, wie das eigene Verhalten beim anderen ankommt.