Lehrermangel Erst lehren, dann lernen

Besonders an Grundschulen fehlen Lehrer. Denn viele Studierende brennen mehr für ihr Fach als für Pädagogik. Diese Lehrerin einer Münchner Grundschule bringt Kindern die bayerische Mundart bei.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Chancen für Lehrer werden immer besser. An vielen Grund- und Förderschulen ist der Bedarf so groß, dass auch Kaltstarter eingestellt werden.

Von Alexandra Straush

Alle Lehramtsstudenten kennen ihr Berufsrisiko: Heute noch eine gefragte Fachkraft, morgen schon auf der Warteliste in ermüdenden Bewerbungsverfahren. Denn erfahrungsgemäß ist der Lehrerbedarf der Bundesländer trotz aller Prognosen wandelbar. Aktuell gilt jedoch: Die Einstiegsbedingungen sind so gut wie seit Langem nicht mehr. Und das wird auch für die nächsten Jahre so bleiben.

"Aufgrund der Flüchtlingszuzüge und weiterer Entwicklungen wie der Ausweitung der inklusiven Schule und der Ganztagsangebote besteht bundesweit ein hoher Bedarf an Lehrkräften", sagt zum Beispiel die niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt. Berlin hat zum Februar 970 neue Lehrer eingestellt, Nordrhein-Westfalen 1229. Den Rekord hält Baden-Württemberg mit 6000 neuen Lehrern in den vergangenen beiden Schuljahren - so viele wie seit den Siebzigerjahren nicht mehr.

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Bei so viel Nachfrage ist der Arbeitsmarkt inzwischen leer gefegt. Und einige Länder, wie etwa Hessen, stehen vor Problemen. 25 000 Schüler aus Flüchtlingsfamilien hat das Land in den letzten anderthalb Jahren aufgenommen. Insgesamt wurden 2500 zusätzliche Stellen geschaffen, die nicht langfristig eingeplant waren. "Wir können uns nicht von heute auf morgen neue Lehrerinnen und Lehrer backen", sagt Landeskultusminister Ralph Alexander Lorz. Die Ausbildungskapazitäten an den hessischen Hochschulen seien zu gering, um den benötigten Nachwuchs zu produzieren. Und da Lehrer zurzeit überall gesucht sind, kommen auch kaum noch Bewerbungen aus den Nachbarländern rein.

Eine Umfrage in allen Bundesländern zeigt (siehe Tabelle): Es sind häufig dieselben Bereiche, in denen Lehrer fehlen, nämlich an Grund- und Förderschulen und in der Sekundarstufe I, während es im Gymnasium eher einen Überhang gibt. Hier sind nur Lehrkräfte für Mangelfächer wie Latein, Physik, Informatik oder Kunst gefragt. In anderen Schulformen können Bewerber mit fast allen Fächern punkten.

Einzelne Länder verbeamten jetzt sogar 47-Jährige

Die Liebe der Lehrer zum Gymnasium hat mehrere Gründe: Einer ist die Vergütung. Gymnasiallehrer werden besser bezahlt als die Kollegen in anderen Schulformen. Der zweite ist das Selbstverständnis von Lehrern, meint Ilka Hoffmann vom Hauptvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW): "Viele Lehramtsstudierende brennen für ihr Fach, nicht für die pädagogische Arbeit." Umso größer die Befürchtung, dass der fachliche Unterricht wegen pädagogischer Probleme torpediert wird.

Um Personal auch für die weniger beliebten Schulformen zu finden, müssen die Länder in ihrer derzeitigen Notlage qualifizierten Bewerbern entgegenkommen. Zum Beispiel durch bessere Bezahlung. Die Berliner Senatsverwaltung ändert zum neuen Schuljahr die Vergütung im Grundschullehramt: Bisher zahlte der Stadtstaat nach Angestelltentarif E11, der zwei Stufen unter dem eines Gymnasiallehrers liegt. Zum neuen Schuljahr werden Berliner Grundschullehrer mit E13 gleichziehen.

Ein weiteres Bonbon sind sichere Jobs auf Lebenszeit. In den neuen Bundesländern wurden Lehrer in den vergangenen Jahren nur noch angestellt beschäftigt. Das machte die verbeamtenden Nachbarländer deutlich attraktiver, der Nachwuchs wanderte ab. Jetzt geben zum Beispiel Thüringen und Brandenburg Bewerbern bis zum Alter von 47 Jahren noch eine Chance auf den Beamtenstatus.