Kaum Interesse an "Technikum" Schavan ruft, keiner kommt

Mit einer millionenschweren Werbeinitiative für technische Praktika will die Regierung junge Tüftler fördern - findet aber nur einen einzigen Bewerber.

Von Tanjev Schultz

Es ist beruhigend zu wissen, dass es Felix Simon gut geht. Er könne nicht klagen, sagt der 20-Jährige. Sein Praktikum bei einem Berliner Technikunternehmen macht ihm Spaß, er lernt dort interessante Sachen, zum Beispiel über das Sparen von Energie bei Beleuchtungsanlagen. Auf fragwürdige Weise, für die er selbst aber gar nichts kann, ist Felix Simon zum Vorzeigepraktikanten der Bundesregierung geworden. Denn der junge Mann absolviert ein "Technikum", ein technisches Praktikum, das die Regierung massiv fördert. Das Problem: Felix Simon ist bisher der Einzige, der bei diesem Technikum mitmacht. Zum Glück gefällt es wenigstens ihm.

Der teuerste Praktikumsplatz der Welt

Seit 2008 hat Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) fast 2,2 Millionen Euro in das Programm gesteckt. Der SPD-Haushaltspolitiker Klaus Hagemann sagt trocken: "Schavan schafft den teuersten Praktikumsplatz der Welt." Die Millionen sind freilich nicht in die Taschen des jungen Praktikanten oder seines Chefs geflossen, sondern in Werbeaktionen und in den Aufbau und Betrieb einer Servicestelle, die eigens für das Technikum eingerichtet wurde. Doch deren Bilanz ist kläglich. Schavans Ministerium räumt ein, dass bisher nur ein einziger Praktikumsvertrag abgeschlossen wurde. Felix Simon hatte sein Technikum im November begonnen.

"Grandios gescheitert"Die SPD wirft Schavan vor, sie sei mit einem Prestigeprojekt "grandios gescheitert". Sie habe die Länder und die Bundesagentur für Arbeit nicht ausreichend eingebunden. Bereits vor drei Jahren hatte Schavan, damals noch in der großen Koalition, Pläne für ein "Freiwilliges Technisches Jahr" vorgestellt. Es sollte dazu beitragen, mehr junge Menschen für technische Berufe zu begeistern. Jedes Jahr entschließen sich Zehntausende Schulabgänger für ein Freiwilliges Soziales Jahr; Deutschland fehlen aber nicht nur Pflegekräfte, sondern auch Tüftler und Ingenieure. Im Mai 2009 war es dann so weit, wenn auch nicht mehr unter dem Namen "Freiwilliges Jahr": Schavan startete das Technikum. Unternehmen, die mitmachen, können für jeden Praktikumsplatz 350 Euro im Monat vom Staat erhalten. Am Freitag waren auf der Internetseite des Programms "157 potentielle Praktikumsplätze" verzeichnet. Allein: Bewerber fehlen.

Faszination der Spitzenforschung

Die Abiturienten des vergangenen Jahres hat das Angebot nicht interessiert; das Ministerium beteuert, es habe daran gelegen, dass wegen einer Haushaltssperre erst im März 2009 mit der Werbung begonnen werden konnte. In diesem Jahr hofft das Ministerium auf "bis zu 1000" Teilnehmer. Das wäre zwar eine ordentliche Steigerung, Aufwand und Ertrag des Programms stünden allerdings noch immer in einem angespannten Verhältnis.

Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft haben hohe Erwartungen an das Technikum geknüpft. Es könne "jungen Menschen die Faszination der Spitzenforschung nahebringen", sagt der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, Hans-Jörg Bullinger. Fünf bis acht Monate lang sollen die Praktikanten den Alltag von Ingenieuren und Forschern kennenlernen, und ein "pädagogisches Begleitprogramm" gewährt Einblicke in naturwissenschaftliche und technische Studiengänge. Für ihre Arbeit erhalten die Praktikanten einen kleinen Lohn, Felix Simon bekommt etwa 300 Euro im Monat. Wenn er Ende April sein Technikum beendet hat, will er wahrscheinlich ein Studium beginnen, vielleicht in Maschinenbau. Das wäre sicher ganz im Sinne der Ministerin. Wenn Felix Simon doch nur nicht der Einzige wäre.

Nicht alles gefallen lassen

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