Karriere in Deutschland "Menschen mit dem größten Potenzial fallen durchs Raster"

Viele Führungskräfte wählen Personal nach Noten und Sympathie aus - einige hochtalentierte Kandidaten werden dadurch übersehen.

(Foto: Taylor Nicole/Unsplash.com)

Viele geniale Unternehmer hätten deutsche Konzerne nie entdeckt, sagt der Personalexperte Marcus Reif. Schuld daran sei auch der ewige Notenvergleich.

Interview von Larissa Holzki

Marcus Reif ist Personalchef der Unternehmensberatung Kienbaum Consultants International. Er sieht das deutsche Bildungssystem kritisch - aber auch die Art, wie viele Unternehmen ihre Mitarbeiter auswählen.

SZ: Herr Reif, mit guten Noten bekommt man einen Studienplatz an einer guten Uni. Ein erfolgreiches Studium vereinfacht wiederum den Berufseinstieg. Warum kritisieren Sie das?

Marcus Reif: Die Wahrscheinlichkeit, in einem Unternehmen eine extrem gute Leistung zu bringen, hat nichts mit Noten zu tun. Noten sagen mir, ob jemand gut mit Theorie umgehen kann. Das interessiert Führungskräfte nicht. Als Führungskraft bewerte ich, ob ein Mitarbeiter an Leistung, Geschäftserfolg oder Input orientiert ist und deshalb zum Beispiel im Büro präsent ist. Dass Noten nichts vorhersagen, sehe ich an meinem eigenen Zeugnis.

Waren Sie ein schlechter Schüler?

Ich war in der Schule furchtbar schlecht in Mathematik. Wenn ich mir aber die letzten zehn Jahre meiner Karriere anschaue, dann sind es gerade der Umgang mit Budget und eine ausgeprägte analytische Kompetenz, die mich ausgezeichnet haben.

Ist es also Blödsinn, was Schüler im Matheunterricht lernen?

Wir unterliegen da einem Bildungsfehler: Für die Karriere ist Kombinatorik eine der wichtigsten Kompetenzen, das Verbinden verschiedener Stärken und das Ausgleichen von Schwächen. Das wird in der Schule aber nicht beigebracht.

Nicht jedes Nein ist endgültig

Viele Bewerber ärgern sich über Absagen und melden sich nie wieder bei der Firma. Besser wäre es, sie würden sich bei dem Unternehmen bedanken. Von Larissa Holzki mehr ...

Was meinen Sie mit Kombinatorik?

Ich gebe ein Beispiel. Marketingkandidaten habe ich die Frage gestellt: "Es kommt eine Führungskraft Ihres Unternehmens zu Ihnen und sagt: Ich brauche 400 Kugelschreiber. Was machen Sie?" 90 Prozent sagen: "Ich laufe ins Materiallager und hole die Kugelschreiber."

Das ist nicht die Antwort, die Sie von den Bewerbern hören wollen?

Neben der Theorie haben diese Menschen in der Schule gelernt, dass es die beste Karrierevoraussetzung ist, lieb und nett zu sein. Die Gegenfrage, die ich mir wünschen würde, ist: "Für was?" Geht es einfach um Schreibwerkzeug oder muss vielleicht eine Teilnahme an einer Karrieremesse vorbereitet werden - werden außerdem Stand, Personal, Broschüren, weitere Werbegeschenke und ein Briefing benötigt? Hinter der Frage nach 400 Kugelschreiben kann sich viel verbergen. Das meine ich mit Kombinatorik.