Jobpsychologie Wenn der eigene Erfolg Angst macht

Viele Menschen glauben, sie müssten ihre eigenen Erfolge immer wieder toppen: Das Impostorphänomen treibt sie an wie ein Hamsterrad.

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Sie bekommen Anerkennung im Job und fürchten trotzdem ständig, zu versagen? Dann leiden Sie womöglich am Hochstapler-Syndrom. Wie man die unangenehmen Gefühle los wird.

Von Larissa Holzki

Sie machen das mit links, sagen die Kollegen. Sie hätten doch schon ganz andere Sachen erreicht. Macht solches Lob Sie panisch? Wiegeln Sie insgeheim ab, dass das letzte Projekt zwar tatsächlich ein Erfolg war, Sie aber auch verdammt viel Glück hatten? "Wissenschaftler schätzen, dass 70 Prozent der Bevölkerung solche Gefühle kennen", sagt Sabine Magnet. Sie haben Angst, als Versager entlarvt zu werden und plötzlich als Hochstapler dazustehen.

Die Buchautorin kennt solche Sorgen von sich selbst, hat ursprünglich aus eigenem Interesse dazu recherchiert und dann ein Buch über das sogenannte Impostor-Phänomen geschrieben. Magnet hat den Eindruck, es seien noch viel mehr Menschen betroffen: "Fast allen geht es irgendwann im Leben einmal so."

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Den Klienten von Miriam Junge zum Beispiel fehlt es eigentlich nicht an Beweisen für ihre Leistung. Viele von ihnen kommen mit dicken Geldbörsen zum Coaching der Psychotherapeutin in Berlin-Mitte. Sie sind Managerinnen, Seriengründer und Jungunternehmer, die für den Verkauf ihres Start-ups richtig viel Geld kassiert haben. "Von außen betrachtet haben sie vollkommen unrealistische Selbstzweifel und Versagensängste", sagt Junge. Doch sie auf ihre Erfolge zu verweisen, helfe nicht: "Da gründet einer mehrere Firmen, legt einen großen Exit hin, sagt aber: 'Ich weiß gar nicht, wie ich das gemacht habe.'" Den Erfolg nicht internalisieren können, heißt das im Fachjargon.

Die Ursachen liegen oft in der Kindheit

Doch woher kommt das? "In Unternehmen herrscht viel Kritik, viel Druck und viel Neid", sagt Psychotherapeutin Junge: "Es wird nicht anerkennend gesagt, 'Wahnsinn, was du geschafft hast', sondern eher gefragt, 'Was kommt als Nächstes?'" So entsteht nie das Gefühl, genug geleistet zu haben. Die Ursachen für die Unsicherheit lägen bei ihren Klienten aber meist weit zurück: "Wer als kleiner Junge besonders viel leisten musste, um vom Papa gesehen zu werden, rennt oft noch 30 Jahre später im Hamsterrad um Anerkennung", sagt Junge.

Anstatt, dass wiederholte Erfolge die Selbstzweifel beruhigen, können sie Impostor-Gefühle sogar verstärken. Denn die Betroffenen entwickeln daraus kein Selbstbewusstsein, bestätigen und steigern aber zugleich die Erwartungshaltung in ihrem beruflichen Umfeld. Menschen mit Impostor-Gefühlen denken deshalb, sie müssten beim nächsten Projekt noch erfolgreicher sein als bisher, sagt die Psychotherapeutin. Für Unternehmer hieße das: noch mehr verkaufen, noch mehr Umsatz machen, noch mehr Gewinn erzielen. Dabei sei das in vielen Fällen kaum möglich: "Im schlimmsten Fall denken sie dann: Ich gehe lieber gar nichts mehr an, als dass ich scheitere." Weil sie oftmals Angst haben, bei einem Misserfolg als Hochstapler entlarvt und gegeißelt zu werden, wird das Impostor-Phänomen auch Hochstapler-Syndrom genannt.

Nicht immer ist die Kluft zwischen Selbstwahrnehmung und objektiver Leistung so deutlich wie bei Mehrfachgründern und Menschen mit Doktortitel. "Es sind auch Menschen vom Impostor-Phänomen betroffen, die nicht übererfolgreich sind", sagt die Autorin Sabine Magnet. Häufig würden die Gefühle in Testsituationen ausgelöst, in denen man sich besonders beobachtet fühlt, zum Beispiel in einem neuen Job: "Man denkt Mist, Mist, Mist: Die erwarten, ich kann das, und in Wirklichkeit schwimme ich total." Diese Unsicherheit sollte sich aber legen, wenn die ersten Aufgaben solide bewältigt worden sind. Erhöhen erste Erfolge den Druck noch, ist das ein Anzeichen für Impostor-Gefühle.

Wie Sie das Hamsterrad anhalten können

Wie aber kommt man raus aus der Erwartungs- und Zweifelsspirale? "Wenn ich mich immer frage, wann die anderen mir einen Erfolg zuerkennen, ist das natürlich nichts Greifbares", sagt Junge. Es helfe daher, stattdessen eigene Maßstäbe zu definieren und anzulegen, zum Beispiel: "Für mich bedeutet ein erfolgreicher Tag, dass ich zufrieden bin, oder dass ich meine To-do-Liste halbiert habe", schlägt die Coachin vor. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, was man alles geleistet hat, könne man zusätzlich ein Erfolgstagebuch führen, sagt Sabine Magnet. Ein Eintrag könnte sein: "Heute habe ich das Teammeeting organisiert." Über Wochen entsteht so eine beeindruckende Liste von Erfolgen, die beweist, dass der Tagebuchführer kein Hochstapler sein kann.

Zweifler sollten außerdem anfangen, Lob von Kollegen, Vorgesetzten und Bekannten anzunehmen. "Viele Menschen reden ihre eigene Leistung klein und entgegnen, die Aufgabe sei sehr einfach gewesen", sagt Autorin Magnet. Sie selbst habe Komplimente lange nicht ertragen können und dies mühsam lernen müssen: "Auch wenn das am Anfang sehr, sehr schwer fällt: Sagen Sie einfach danke und nichts weiter", rät sie.

Allerdings: Ein bisschen Selbstzweifel schadet auch nicht. Impostor-Gefühle kurbeln den Ehrgeiz an und befördern häufig die Karriere. "Viele Menschen tun lieber wahnsinnig viel, als an diese Gefühle heranzugehen", sagt Miriam Junge. Bei vielen ihrer Klienten sind sie aber zum Problem geworden. Wer solche Versagensängste entwickelt, dass er Aufgaben ablehnt oder sich nicht mehr traut, sie anzugehen, riskiert ein Burnout und Depressionen und sollte sich Hilfe bei einem Profi suchen.

Starke Impostor-Gefühle einzudämpfen, braucht Zeit. In akuten Fällen, etwa vor einem Vortrag oder einer Prüfung, rät Sabine Magnet: Durchatmen und sich klarmachen, dass zwei von drei Leuten genau so viel Angst vor dem Versagen haben wie man selbst. Ihr Erfolg kann nicht immer nur Glückssache sein - da sollten Sie sich nichts vormachen.

Das Buch "Und was, wenn alle merken, dass ich gar nichts kann? Über die Angst, nicht gut genug zu sein" von Sabine Magnet ist im MVG-Verlag erschienen.

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