Mundle: Die meisten sind Mitte, Ende 40, je zur Hälfte Männer und Frauen. Viele sind Führungskräfte - Manager, Ärzte, Juristen, Unternehmer, Schauspieler. Für die ist es oft sehr schwierig, Schwäche zu zeigen. Interessanterweise fällt es gerade den Ärzten unter ihnen schwer zuzugeben, dass sie Hilfe brauchen, denn sie werden dadurch ja vom Helfenden zum Hilfsbedürftigen. Viele schämen sich regelrecht dafür: Ich als Arzt bin krank!

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SZ: Warum sind gerade Ärzte gefährdet, ein Burn-out zu erleiden?

Mundle: Zum einen haben sie einen körperlich und seelisch anstrengenden Job. Zum anderen haben sie leicht Zugang zu bestimmten Medikamenten, und sie wissen, wie man diese einsetzt - so können sie sich betäuben oder aufputschen, je nachdem. Durch Drogen verstärken Betroffene ihre seelischen Probleme natürlich.

SZ: Aber nicht alle Menschen, die einen stressigen Beruf haben, erleiden zwangsläufig ein Burn-out.

Mundle: Zu einer Eskalation kommt es meistens, wenn aktuelle Probleme auf frühe seelische Wunden stoßen. Oft sind diejenigen besonders gefährdet, die gut für andere Menschen denken und sorgen können, aber nicht auf sich selbst achten. Das gilt für Ärzte und andere Leistungsträger genauso wie für Mütter, die alles für ihre Kinder tun, aber nichts für sich selbst. Vielen ist 120 Prozent nicht genug, die wollen 150 Prozent geben. Aber selbst 100 Prozent sind auf Dauer schon zu viel.

SZ: Welche Warnzeichen gibt es?

Mundle: Das vegetative Nervensystem ist überreizt und alle Organe können betroffen sein. Werden Warnzeichen nicht ernst genommen, können sich Störungen des Immunsystems, ein Herzinfarkt, Depressionen, Angst- oder Abhängigkeitserkrankungen entwickeln. Wer täglich Alkohol konsumiert, und zwar so, dass er nach ein, zwei Gläsern nicht aufhören kann, sollte einen Suchtexperten aufsuchen. Ein deutliches Warnzeichen ist es auch, wenn Menschen nachts aufstehen, um Alkohol zu trinken, um zu rauchen oder um E-Mails zu schreiben.

SZ: Betroffene werden solche Verhaltensweisen wohl als normal ansehen.

Mundle: Das stimmt. Es ist deshalb wichtig, auf andere zu hören - wenn Kollegen, Freunde oder Familienmitglieder einen auf solche Dinge ansprechen, ist es wichtig, sie ernst zu nehmen.

SZ: Wie hoch ist die Erfolgsquote bei Burn-out-Therapien?

Mundle: Wir bekommen über Selbsthilfegruppen und Nachfolge-Therapien viele Rückmeldungen von Patienten. Etwa 80 Prozent der Leute haben die Therapie erfolgreich hinter sich gebracht. Das bedeutet nicht, dass sie jetzt rundum glücklich sind. Es bedeutet, dass sie ihren Alltag und ihren Beruf wieder bewältigen.

SZ: Gibt es Vorbeugemaßnahmen, um das Ausbrennen zu verhindern?

Mundle: Die gibt es schon. Als Grundregel raten wir dazu, mindestens einen Tag in der Woche nicht zu arbeiten, mindestens zweimal die Woche pünktlich Feierabend machen und zweimal im Jahr in den Urlaub zu fahren. Eigentlich ist das selbstverständlich, aber den Patienten muss man das richtiggehend abringen.

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(SZ vom 27.8.2009/bön)