Berufliche Neuorientierung Muss ich noch 20 Jahre in diesem Job aushalten?

  • Wer unzufrieden im Job ist, sollte nicht gleich alle Brücken abbrechen, empfiehlt Karrierecoach Vincent Zeylmans. Sinnvoller ist es, erst einmal im eigenen Unternehmen Veränderungsmöglichkeiten auszuloten.
  • Wichtig bei einer neuen Tätigkeit: Das bereits vorhandene Know-How sollte mitgenommen werden können.
  • Zeylmans rät Jobwechslern sich bei der Bewerbung nicht klein zu machen. Wer 70 Prozent einer Stellenanforderung erfüllt, kann sich bewerben.
Von Johanna Bruckner

Vincent Zeylmans war lange Jahre im Management verschiedener internationaler Konzerne. Heute arbeitet er als selbstständiger Karrierecoach und berät Führungskräfte bei der beruflichen Neuorientierung. Er beantwortet regelmäßig als SZ-Jobcoach Leserfragen zu den Themen Bewerbung bis Arbeitszeugnis.

Herr Zeylmans, wir leben in einer Arbeitswelt, die sich sehr schnell verändert. Gibt es den einen Traumjob, den man sein Leben lang macht, überhaupt noch?

Vincent Zeylmans: Durchaus. Ich kenne Leute, die schon seit früher Kindheit wussten, was sie später mal machen wollen - und dann auch glücklich und erfolgreich in diesem Job geworden sind. Aber es gibt natürlich auch Menschen, die einer Traumvorstellung nachlaufen und erst in der Praxis merken, dass die Realität ganz anders ist.

"Fehlende Anerkennung ist frustrierend"

Der Chef geizt mit Lob, die Kollegen sind einfach nur anstrengend und die Arbeit selbst macht auch keinen Spaß: Bleibt da nur die Kündigung? Nein, sagt Psychologin Christiane-Maria Drühe. Und gibt Tipps, wie Sie Frust im Job verringern. Von Johanna Bruckner mehr ...

Wie schwer fällt es, sich einzugestehen: "Ich bin im falschen Beruf"?

Das hängt davon ab, wann diese Erkenntnis reift - und welche Alternativen der Arbeitnehmer hat. Junge Menschen, die noch am Anfang ihres Arbeitslebens stehen, empfinden es häufig sogar als Chance, dass sie rechtzeitig auf den Trichter gekommen sind. Schwieriger ist es, wenn das Bewusstsein, im falschen Job zu sein, erst in der Mitte des Lebens einsetzt. Aber gerade in dieser Lebensphase, nach 15 bis 20 Jahren Berufserfahrung, fragen sich viele Arbeitnehmer: War's das jetzt schon? Muss ich die nächsten 20 Jahre so weitermachen?

Sind Menschen in kreativen Berufen vor solchen Sinnkrisen gefeit?

Meiner Erfahrung nach sind es vor allem Menschen mit höherer beruflicher Qualifikation, die sich in ihrem Beruf irgendwann die Sinnfrage stellen. Sie sehen für sich verschiedene Optionen; eine gute Ausbildung, bestimmte kommunikative Fähigkeiten und vielleicht sogar Management-Erfahrung eröffnen Möglichkeiten. Jemand, der eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann gemacht hat, ist in seinem Gestaltungsspielraum viel eingeschränkter.

Gutes Stichwort. Mit einer Führungsposition sind gewisse Privilegien verbunden: ein überdurchschnittliches Gehalt, vielleicht ein Firmenwagen. Scheuen Arbeitnehmer deshalb vor einem Berufswechsel zurück - weil sie wieder unten anfangen müssten?

Finanzielle Einbußen und der Verlust von Machtsymbolen spielen vor allem bis 45, 50 eine Rolle, ja. Das ist die Zeit, in der die Familie noch jung ist, das Haus abbezahlt werden muss. Ich beobachte aber, dass das mit zunehmendem Alter kippt. Dann sagen die Leute: "Und jetzt möchte ich etwas machen, das mich erfüllt."

Die Ingenieurin, die einen eigenen Buchladen eröffnen will, der Architekt, der eigentlich lieber Kneipier wäre.

Dahinter steht ein grundsätzliches Problem der modernen Arbeitswelt: Je höher der Arbeitnehmer auf der Karriereleiter klettert, desto weniger hat seine Arbeit noch mit dem zu tun, womit er ursprünglich einmal angefangen hat. Er arbeitet in der strategischen Entwicklung, plant, organisiert, verwaltet Budget, hat Personalverantwortung. Da kann der Wunsch entstehen, endlich wieder etwas Handfestes zu machen. Aber: Radikale Jobwechsel sind riskant und nur dann empfehlenswert, wenn man ein finanzielles Polster hat, falls es schiefgeht. Ich empfehle, zunächst nach den naheliegenden Möglichkeiten zur Veränderung zu gucken.