Ausbildung "Die sind wie verlorene Lämmer"

Wagdi Najmeddin, 41, führt in Augsburg drei Modegeschäfte. Seit sieben Jahren bildet er Verkäufer und Einzelhandelskaufleute aus.

(Foto: privat)

Unternehmer Wagdi Najmeddin kam einst als Asylbewerber nach Deutschland. Heute bildet er Deutsche und Migranten aus und weiß, was zum Berufsstart schiefgeht.

Interview von Larissa Holzki

Jugendliche mit Migrationshintergrund haben es schwer, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Verständnis und Vorbilder finden sie bei Geschäftsleuten, die selbst zugewandert sind. Einer von ihnen ist der Modeunternehmer Wagdi Najmeddin.

SZ: Herr Najmeddin, Sie sind als 16-Jähriger allein aus dem Irak geflohen, kein leichter Start in das Berufsleben. Wie haben Sie es zum Geschäftsmann gebracht?

Wagdi Najmeddin: Als Kind musste ich immer mit dem Risiko leben. Das nützt mir im Geschäftsleben: Ich bekomme keine kalten Füße bei 20 000 Euro Mietkosten für eine Ladenfläche.

Aber Sie haben nicht mal eine klassische Ausbildung.

Ich habe viele Bücher über das Verkaufen gelesen und Biografien erfolgreicher Menschen. Später habe ich Seminare besucht. Ich wollte mich immer weiterentwickeln.

Warum es Migranten auf dem Arbeitsmarkt schwer haben

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Dieses Durchhaltevermögen fehlt vielen Jugendlichen. Warum brechen sie die Lehre häufig ab?

Weil viele nicht verstanden haben, worum es in diesem Lebensabschnitt geht. Sie sollen sich schnell einen Ausbildungsplatz suchen - damit sie nicht in irgendeiner Maßnahme landen. Also sind sie einfach froh, wenn sie irgendwo reinrutschen.

Hilft denn das Praktikum in der Schulzeit nicht bei der Orientierung?

Die meisten Schülerpraktikanten wissen gar nicht, warum sie da sind. Offenbar sagt ihnen niemand: Du hast die Chance auf eine Ausbildungsstelle, wenn du dich da gut anstellst. Die sind wie verlorene Lämmer.

Offenbar nehmen viele Betriebe lieber deutsche Jugendliche als Bewerber aus Zuwandererfamilien. Können Sie sich das erklären?

Wenn Sie einem Deutschen sagen, was er machen soll, wird er genau das machen. Das ist einfach für den Arbeitgeber. Deutsche können Sie an die Kasse stellen, die Warenannahme und Lieferscheinkontrolle machen lassen, das können die super.

Wollen Sie damit sagen, auf Migranten ist weniger Verlass?

Sie sind tendenziell nicht so konstant, aber das holen sie wieder raus. Ich habe immer wieder Mitarbeiter aus Zuwandererfamilien. Sie sind oft herzlicher, engagierter, da geben die Kunden auch mal 400 Euro für Klamotten aus. Bei Reklamationen habe ich lieber einen Südländer: Der kann vermitteln, dass er den Kunden versteht, wir aber auch nicht jede Jeans zurücknehmen können. Und wenn die Deutschen pünktlich zur Arbeit kommen, dann ziehen sie auch um 19.59 Uhr schon die Jacke an. Die türkischstämmige Mitarbeiterin bleibt eher mal bis viertel nach acht, wenn eine Kundin noch etwas anprobieren will. Im Verkauf braucht man beides.

Wovon machen Sie abhängig, ob Sie einen Auszubildenden nehmen?

Ein Verkäufer muss Empathie für den Kunden haben - ihn wahrnehmen, willkommen heißen, Beratung anbieten, ohne aufdringlich zu sein. Man braucht das Selbstbewusstsein, ein Nein zu akzeptieren. Was ich oft sehe: Der Kunde läuft nach Süden, der Praktikant nach Norden. Ganz ehrlich: Im letzten Jahr habe ich keinen genommen. Den Jugendlichen fehlt es an Persönlichkeit. Da müssten die Schulen mehr tun.

Wie könnte die Schule die Jugendlichen besser vorbereiten?

Lehrer müssten viel mehr mit den Schülern darüber sprechen: Was wird von mir erwartet, wenn ich aus der Schule komme? Worum geht es im nächsten Level des Lebens? Die Schüler brauchen Coaching: Körpersprache, Ausdruck, Mimik. Da sind die Jugendlichen mit Migrationshintergrund oft im Nachteil. Deutsche Jugendliche haben häufiger das Glück, zu Hause unternehmerisch denkende Vorbilder zu haben. Wenn ich Eltern habe, die nie etwas gelernt haben, die nur arbeiten, fernsehen, schlafen, wieder aufstehen, da entwickle ich keine Persönlichkeit, kein Selbstwertgefühl.

Was können die Betriebe besser machen?

Oft räumen die Praktikanten nur das Lager auf und putzen Regale. Das bringt nichts. Sie müssen die gleiche Arbeit wie die Azubis machen, um entscheiden zu können, ob der Beruf zu ihnen passt. Sonst hängen die Mädchen weiter der Illusion an: Verkäuferin zu sein bedeutet, ich kann den ganzen Tag rumstehen und Musik hören.

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