Arbeitsmarkt Deutschland gehen die Berufsschullehrer aus

2,6 Millionen Menschen besuchen in Deutschland eine Berufsschule, um beispielsweise Maler/Lackierer zu werden.

(Foto: Florian Peljak)

Wer unterrichten will, sollte nicht nur an Gymnasium oder Grundschule denken. An Berufsschulen sind nicht nur studierte Lehrkräfte gefragt.

Von Alexandra Straush

Als Susanne Eißler kurz vor dem Ende ihrer Ausbildung zur Uhrmacherin stand, sah der Arbeitsmarkt nicht gerade rosig aus. Zu viele Billiguhren in den Geschäften, zu wenige Jobs in der Branche. In dieser Situation brachte sie ihr Klassenlehrer in der Berufsschule auf eine neue Idee: Wer bereits das Abitur habe, könne doch auch studieren und Berufsschullehrer werden. "Als ich sagte, dass mich das vielleicht interessieren könnte", erinnert sich Eißler, "saß ich ganz schnell vor dem Schreibtisch des Schulleiters, hatte ein Gespräch mit ihm und haufenweise Informationsmaterial."

Heute unterrichtet die 40-Jährige Industrie- und Zerspanungsmechaniker an der Heinrich-Kleyer-Schule in Frankfurt am Main. Außerdem bereitet sie an der Technischen Universität Darmstadt in Proseminaren den Nachwuchs auf Schulpraktika vor. Und dieselbe Erfahrung, die sie früher gemacht hat, machen heute ihre Studenten: Absolventen der Lehramtsstudiengänge für berufliche Schulen sind gefragt, denn sie sind Mangelware.

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Nicht nur in Hessen. Das Land Nordrhein-Westfalen sucht Lehrer für die Fächer Metalltechnik, Elektrotechnik, Fahrzeugtechnik und Sozialpädagogik. Berlin benötigt zusätzlich Nachwuchs in den Bereichen Bautechnik, Medientechnik, Labor- und Prozesstechnik. Ähnlich sieht es in Schleswig-Holstein aus. Eine Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (Bibb) fasst die Situation so zusammen: "Die Gewinnung von Lehrkräften für den berufsspezifischen Unterricht ist besonders in den gewerblich-technischen Berufen ein Problem." Diesen Job, so scheint es, will oder kann niemand machen.

Susanne Eißler hat dafür eine einfache Erklärung: "Lehrernachwuchs generiert sich oft aus der Schülerschaft." Und der überwiegende Teil der Schüler, die eine berufliche Schule verlassen, hat nicht die formale Qualifikation, um ein Lehramtsstudium aufzunehmen. Umgekehrt gilt: Wer das Gymnasium besucht hat und noch nie eine Berufsschule von innen gesehen hat, nimmt dieses Arbeitsfeld gar nicht wahr.

Viele Studienplätze werden nicht genutzt

So entsteht eine paradoxe Situation: Mehr als 2,6 Millionen Auszubildende oder Berufstätige mit Weiterbildungswunsch besuchen eine von 5225 beruflichen Schulen in Deutschland und stellen damit 70 Prozent aller Schülerinnen und Schüler im Sekundarbereich II. An Eißlers Schule unterrichten etwa 100 Kollegen rund 2500 Schüler, und es gibt im Stadtgebiet Frankfurt am Main noch weitere 15 berufliche Schulen. Trotzdem wird dieser große Bildungsbereich nur von wenigen als Job-Perspektive erkannt.

Gerade mal sieben Studierende in Deutschland haben den Lehramts-Master für Druck- und Reproduktionstechnik belegt. Und im Bereich Fahrzeugtechnik stehen nicht mehr als 27 Master-Studierende für das Lehramt bereit. "Obwohl Studienplätze vorhanden sind, werden sie nicht genutzt", sagt Monika Hackel, Leiterin der Abteilung Struktur und Ordnung der Berufsbildung im Bibb. Die Verdienstmöglichkeiten seien ein Grund dafür: "Mit den Gehältern in der Industrie können die Schulen nicht mithalten."