Schnell weg, bevor 2011 mit dem doppelten Abitur-Jahrgang die Massen kommen: Wer jetzt in Bayern Abitur macht, drängt an die Unis - ein Jahr Auszeit traut sich kaum einer zu nehmen.
Isabelle hat der doppelte Abiturjahrgang schon früh erwischt, schon Jahre, bevor dieser überhaupt die bayerischen Schulen verlässt - nach acht oder neun Jahren Gymnasium. Ihr Vater hat Isabelle raushalten wollen aus dieser Schulreform. Er lehnt sie ab - auch, weil er seiner Tochter das Gerangel um Studienplätze und Sitze in überfüllten Hörsälen ersparen wollte. Deshalb nahm der Unterhachinger einen Kredit auf und schickte seine Tochter, die noch zu den Neun-Jahres-Gymnasiasten gehört hätte, nach England.
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Durch die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre drängt 2011 ein doppelter Abiturjahrgang in die Unis. (© dpa)
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Mehr als 60.000 Euro ließ er sich diese Beschleunigung kosten. Dieser Tage macht Isabelle das englische Abitur. Doch damit sie auch wirklich im Herbst Tiermedizin studieren kann und nicht doch noch in den großen Ansturm hineingerät, schreibt ihr Vater jetzt Briefe an Ministerien und spricht im Landtag vor. Das Problem: Isabelle wird ihr Zeugnis erst im Sommer vorlegen können, wenn die bundesweite Bewerbungsfrist für Tiermedizin eigentlich schon abgelaufen ist. Ob die Flucht ins Ausland letztlich erfolgreich war, ist also ungewiss.
Isabelle ist bei weitem nicht die einzige, deren Lebenspläne der doppelte Abiturjahrgang durcheinanderwirbelt. Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch hat zwar immer wieder betont, dass die Unis vorgesorgt hätten, dass ausreichend Studienplätze eingerichtet werden würden und dass niemand wegen des Doppeljahrgangs auf der Strecke bleibe. Doch die Abiturienten in diesem und im kommenden Jahr scheint er nicht überzeugt zu haben. Hört man sich unter Schülern um, ergibt sich ein eindeutiges Bild: Wer in diesem Jahr Abitur macht, beeilt sich, möglichst schnell an die Uni zu kommen, um sich einen Platz zu sichern. Und wer 2011 dran ist, überlegt jetzt schon, wie er eine Auszeit sinnvoll nutzt.
Anderl Ammer wollte die Wiege der Menschheit kennenlernen, wollte ein Jahr lang in Zentralafrika von Medizinmännern alternative Heilmethoden lernen. Nun aber beginnt der Unterschleißheimer mit dem Abi-Schnitt von 1,2 schon im Herbst, in München Medizin zu studieren. Nach Afrika wäre er gern gegangen, um sich auszutauschen, schließlich hat er für seine Studien zur heilenden Wirkung von Geranien-Extrakten einen Preis bei "Jugend forscht" gewonnen. Auch wollte er einige Monate in dem marokkanischen Waisenhaus mithelfen, für das er Geld gesammelt hat. "Aber 900 Kommilitonen im ersten Semester sind schon genug", sagt Ammer, "da muss ich nicht warten, bis es 1800 sind."
Dieses Bild bestätigen die Trägerverbände des Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ). "Wir führen zwar keine Statistiken, aber wir bemerken, dass sich weniger Abiturienten für ein FSJ bewerben als in den vergangenen Jahren", sagt Michael Richter, Teamleiter FSJ beim Bayerischen Roten Kreuz. Vor allem in Einrichtungen für Kinder seien Abiturienten weit mehr gefragt als Absolventen anderer Schulen - auch weil sie volljährig sind. "Dort schlagen sie in diesem Jahr die Hände überm Kopf zusammen", sagt Richter. Gerade im Großraum München sei das Problem in diesem Jahr relevanter als im übrigen Bayern.
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