Wissenschaftsgeschichte Pionier der Cannabis-Forschung

Mechoulam in seinem Labor in der Hebrew University in Jerusalem.

(Foto: Jonas Opperskalski/laif)

Raphael Mechoulam entdeckte die wesentlichen Wirkstoffe des Cannabis. Der Israeli fand damit neue Wege in der Medizin - und wurde zum Idol der Kiffer.

Von Agnes Fazekas

Spätestens nach der Geschichte mit dem Kuchen war Raphael Mechoulam klar geworden, was er da entdeckt hatte. Seine Frau Dalia hatte ihn gebacken, Freunde wurden eingeladen, jeder bekam ein Stück ab. Plötzlich wurde allen ganz seltsam: Dalia träumte vor sich hin; ein Knesset-Abgeordneter hörte nicht mehr auf zu reden; einer behauptete, nichts zu spüren, kicherte zugleich; eine junge Frau erlitt fast einen psychotischen Anfall. "Glücklicherweise hatten wir einen Psychologen unter uns", erzählt Mechoulam - um eine Einsicht reicher: Zehn Milligramm Tetrahydrocannabinol im Kuchen sind zu viel.

Vor mehr als fünfzig Jahren, 1964, entdeckte Mechoulam, damals Chemiker am Weizmann-Institut bei Tel Aviv das THC, den psychoaktiven Wirkstoff der Hanfpflanze. Dieser Entdeckung folgten 400 Publikationen und 25 Patente. Mechoulam gilt als Übervater der Cannabis-Forschung, er ist mit dafür verantwortlich, dass heute in Israel die Hanf-Industrie so blüht.

Immer noch sitzt der Professor, klein, aber aufrecht für seine 87 Jahre, in einem winzigen Büro der Hebrew University in Jerusalem. Die Wand ist mit den Zeugnissen akademischen Ruhms gepflastert, daneben ein Regal mit Pflanzenkunde-Büchern. Das weiße Haar trägt er fein gescheitelt, die Augen haben den Ausdruck des professionellen Skeptikers. Er sagt: "Sachlich gesehen, sind wir zu spät dran."

Den ersten Beutel Hasch bekam er von der Polizei

Als 1920 das Insulin entdeckt wurde, sei es innerhalb eines halben Jahres freigegeben worden. Bei Antibiotika habe sich keiner Gedanken darum gemacht, dass es von einem Pilz stammt. Doch immer noch scheuten sich die Pharmafirmen vor dem Stigma der psychogenen Hanfpflanze. Immerhin können israelische Patienten die Substanz auf Rezept bekommen. Mechoulam selbst berät seit Jahrzehnten das Gesundheitsministerium. Immer noch fährt er jeden Tag mit seinem Peugeot ins Labor. "Die Forschung ist eine Sucht, von der ich mich nicht heilen lassen will."

Raphael Mechoulam wurde 1930 in Sofia geboren. Sein Vater war Chef des jüdischen Krankenhauses. Die erste Hälfte seiner Kindheit prägten Bücher, Konzerte und eine deutsche Gouvernante, die zweite die Entwurzelung: Als die antisemitischen Gesetze zur Bedrohung wurden, suchte sein Vater eine Stelle auf dem Land und zog drei Jahre mit der Familie über den Balkan - bis ihn die Nazis ins KZ sperrten. "Wir hatten Glück, die bulgarischen Juden wurden nicht umgebracht", sagt Mechoulam.

Nach der Schulzeit im Ausnahmezustand, die letzten Jahre unter der Gehirnwäsche der Kommunisten, emigrierte die Familie 1949 nach Israel. In dem jungen Land nahm das akademische Leben erst allmählich Gestalt an. Mechoulam grub vergessene Publikationen über Heilpflanzen aus. Dabei stieß er auf die Pflanze Cannabis sativa. Schon die Assyrer meißelten ihre Erfahrungen mit dem Kraut in Stein. Überraschend fand Mechoulam, dass die Griechen und Römer nichts von der Psychoaktivität der Pflanze wussten, obwohl sie Marihuana gegen Entzündungen benutzten.

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Seinen Heureka-Moment hatte der Chemiker, als ihm klar wurde: Cannabis war nie in seine Einzelteile zerlegt worden! 1805 hatte man Morphium gewonnen, 50 Jahre später die aktiven Komponenten des Cocastrauchs isoliert. "Cannabis aber war ein Mischmasch nicht identifizierter Verbindungen", sagt Mechoulam. Und damit in der Medizin unbrauchbar. Außerdem wurden die Drogengesetze laufend verschärft. Spätestens mit der UN-Konvention gegen Drogen 1961 wurde die Forschung mit verbotenen Betäubungsmitteln schwierig.

Mechoulam jedoch lernte die Vorzüge der kurzen Wege kennen. Nur einen Anruf kostete ihn der erste Beutel Hasch. Er rettete die Schmuggelware aus der Asservatenkammer der Polizei. Weder ihm noch dem Polizeichef war klar, dass sie eine Straftat begangen hatten. Im Lauf der Jahre schaute er immer mal wieder auf einen Kaffee vorbei und holte Nachschub. Zwanzig Kilo werden es wohl gewesen sein.