TV-Doku "Krebs wird es immer geben"

Die Chirurgie war die erste moderne Krebstherapie. Sie ging allerdings oft unnötig radikal vor.

(Foto: © Harvard Medical School)

Zwischen Fortschrittsglaube und Demut: Arte zeigt die Verfilmung des hochgelobten Krebs-Sachbuchs "Der König aller Krankheiten".

Von Berit Uhlmann

In einer nebligen Nacht 1917 gingen in Belgien Senfgas-Granaten über britischen Truppen nieder. Tagelang hing das Gift über dem Schlachtfeld, bis auch die Toten nach Senf rochen. Bei den wenigen Männern, die den Angriff überlebten, machten Pathologen später eine verblüffende Entdeckung. Das Gift hatte nicht blind in den Körpern gewütet, sondern bestimmte blutbildende Zellen im Knochenmark vernichtet und andere verschont. Könnte man auf diese Weise gezielt die entarteten Zellen von Blutkrebs-Patienten angreifen?

Senfgas erwies sich nicht als Lösung, dennoch war der Fund ein Meilenstein in der Entwicklung moderner Chemotherapien. Es sind solche Episoden, mit denen es der US-Onkologe und Buchautor Siddhartha Mukherjee schaffte, dass sich Menschen von einem Geschehen faszinieren lassen, das sie normalerweise aus ihren Köpfen zu verbannen suchen: dem unkontrollierten Wuchern von Zellen.

Das 2010 erschienene Krebs-Buch "Der König aller Krankheiten" wurde ein Bestseller, von der Kritik hoch gelobt, mit dem Pulitzer-Preis geehrt und vom Time-Magazine zu einem der 100 wichtigsten Sachbüchern aller Zeiten ernannt. Nun haben die Filmemacher Barak Goodman und Mareike Müller das 700-Seiten-Werk in einen Samstagabend-Film verwandelt. Arte zeigt ihn zum Weltkrebstag.

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Wie das Buch geht auch der erste Teil der Dokumentation zu den Wurzeln all der Ängste und Missverständnisse zurück, die die Krankheit noch heute umgeben. "Schwellung der Brust, groß, sich ausbreitend und hart", lautet die erste bekannte Erwähnung dieses Leidens in einem 4000 Jahre alten ägyptischen Krankheitskatalog. Unter dem Punkt Behandlung ist vermerkt: "keine". Lange war der Krebs ein unabwendbares Schicksal; Betroffene blickten einem Ende in den Siechenhäusern entgegen.

Vor etwas mehr als 100 Jahren schließlich begann die moderne Medizin ihren Feldzug gegen den Krebs, bei dem sie immer härter, immer radikaler vorging. Operationen verstümmelten Patienten - in vielen Fällen unnötig und ohne Rücksicht auf ihre Lebensqualität. Bestrahlungen ließen ihre Haut verbrennen und mitunter neuen Krebs wachsen. Die Chemotherapie war oft ein wildes Experimentieren mit Giften wie dem Senfgas. Wer über diese Krankheit sprach, verwendete Kriegsrhetorik. "Krebs", so sagt es Muherjee in der Dokumentation: "hat in unserer Gesellschaft eine überlebensgroße Bedeutung erlangt".

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Die Autoren setzen den Alltag realer Krebspatienten dagegen. Da sitzt die 37-jährige Katrin, Mutter von zwei Kindern, bei der Chemotherapie und witzelt mit den anderen Patientinnen: "Ist ja gemütlich hier". Es wird in den onkologischen Stationen durchaus gelacht, gehofft und gelebt. Katrin hat eine seltene Genmutation und damit ein deutlich erhöhtes Risiko für Brustkrebs. Sie beschließt, vorsorglich beide Brustdrüsen entfernen zu lassen. Es ist die gleiche Operation, der sich Angelina Jolie unterzog und damit die Öffentlichkeit in beträchtliche Aufregung versetzte. In der Dokumentation ist der Schritt nichts weiter als eine persönliche Entscheidung, die die Patientin ganz entspannt bei einer Tasse Tee erläutert.

Der zweite Teil der Dokumentation verlangt dem Zuschauer mehr ab. Die Autoren führen ihn im Schnellverfahren durch die modernen Therapieansätze. Sie konstatieren das Problem, dass viele der neuen Behandlungen den Patienten nur wenige zusätzliche Lebensmonate bescheren und werfen die berechtigte Frage auf, ob dieser kleine Gewinn an Lebenszeit die Nebenwirkungen und die enorm hohen finziellen Kosten wert sind. Oder ob man nicht stärker in Prävention und Früherkennung investieren sollte. Kaum ist die Frage formuliert, reißen die Filmemacher Zweifel an der Aussagekraft von Vorsorge-Untersuchungen an. Dass sie bei all dem eine große Zahl Wissenschaftler zu Wort kommen lassen, ist beeindruckend, hinterlässt allerdings bisweilen ein Gefühl von Orientierungslosigkeit.

Man kann das kritisieren oder schlicht für ein Abbild der Realität halten. Denn der König aller Krankheiten, wie der Krebs so wirkungsvoll genannt wird, ist in Wirklichkeit eher so etwas wie 300 Fürsten. So viele verschiedene Krebsarten sind mittlerweile bekannt. Es gibt keine Antworten, die für alle passen.

Heute können etwas mehr als die Hälfte aller Krebspatienten geheilt werden. Den anderen ergeht es wie Wilfried, dem 67-Jährigen mit der Diagnose Lungenkrebs im Spätstadium, inoperabel. Die bewegendsten Szenen des Films zeigen, wie er und seine Frau sich in das Unausweichliche fügen. Sie verbringen so viel Zeit miteinander, wie sie nur können, dann geht der Schwerkranke ins Hospiz. Am Ende dominiert wie auch in Mukherjees Buch die Demut über den Fortschrittsglauben. "Krebs wird es immer geben", lautet einer der letzten Sätze. Aber er wird - das zeigt die Dokumentation eindringlich - für jeden etwas anderes bedeuten.

"Krebs: Eine Biografie", Arte, 4.2.2017, 22 Uhr (Teil 1), 22.55 (Teil 2)

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