Onkologie Stille Revolution in der Krebstherapie

Körpereigener Schutz: Kugelförmige Abwehrzellen des Immunsystems attackieren eine Krebszelle.

(Foto: mauritius images)

Lange Zeit kam die Onkologie nicht recht voran. Doch inzwischen macht sie überraschende Fortschritte - gerade bei so gefürchteten Erkrankungen wie Lungen- oder Hautkrebs.

Von Kathrin Zinkant

Einmal zum Mond zu fliegen, das scheint einer der immer wiederkehrenden Träume amerikanischer Präsidenten zu sein. John F. Kennedy verstand das durchaus wörtlich, seine Nachfolger sprachen davon eher im übertragenen Sinne. Sie meinten eine übermenschliche Leistung, die - wenn überhaupt - von Amerikanern zu erbringen wäre. Auch Barack Obama hat so ein utopisches Ziel vor Augen, wie es der Mondflug für seinen Vorgänger Jahrzehnte zuvor war: Anfang des Jahres kündigte er eine neue "Mondmission" Amerikas an, die wissenschaftliche Reise in eine Welt, in der Krebs heilbar ist - "ein für allemal", wie er sagte.

Geht so was überhaupt? Wird Krebs jemals heilbar sein - oder so gut zu behandeln, dass sich niemand mehr vor einer Krebsdiagnose fürchten muss? Realistisch erscheint das angesichts der Zahlen nicht. Immer noch sterben allein in Deutschland 220 000 Menschen pro Jahr an bösartigen Tumoren. Mehr als doppelt so viele erhalten im gleichen Zeitraum eine Krebsdiagnose. Dennoch, in der Krebsmedizin ist seit einiger Zeit wieder von "Durchbrüchen" die Rede, eine Vokabel, auf die man lange verzichtet hatte. Und wenn man Mediziner fragt, ob sich denn wirklich etwas getan habe, wird man förmlich von Optimismus überrollt.

"Aus vollem Herzen: Ja, wir erleben derzeit eine Revolution in der Krebstherapie", sagt Ulrich Keilholz vom Comprehensive Cancer Center der Berliner Charité. Ähnlich positiv formuliert es Thomas Seufferlein von der Universitätsklinik in Ulm: "Wir können sicher sagen, dass es deutliche Fortschritte in der Behandlung gibt." Zwar kämen diese Fortschritte derzeit nur einer kleinen Gruppe von Patienten zugute. Dazu zählten aber unter anderen Kranke, denen man bislang nicht habe helfen können. "Und wir verfügen jetzt über zwei Strategien, die Hand in Hand gehen", erklärt der Fachmann für Gastroenterologie.

Die Immuntherapie war schon abgeschrieben - doch dann passierte eine Sensation

Da ist zum einen die Präzisionsmedizin, die hauptsächlich auf die vielen neuen Erkenntnisse aus der Genetik zurückgeht. Krebs ist im Wesentlichen auch eine genetische Erkrankung: Normale Zellen entarten, weil sich ihr Erbgut verändert, und zwar so, dass die Kontrolle über das Wachstum verloren geht. Mit der Zeit entwickelt jeder einzelne Tumor ein typisches Muster solcher Veränderungen - und dieses Muster liefert Hinweise darauf, auf welche Wirkstoffe der betreffende Patient am besten ansprechen könnten.

In einigen Fällen lassen sich sogenannte Treibermutationen ausmachen, also Veränderungen in Genen, die eine zentrale Rolle für das Krebswachstum spielen. Daher wird ein Krebs immer häufiger auf solche Gene hin untersucht oder sogar vollständig sequenziert. Einige Patienten erhalten dann eine sehr gezielte Behandlung. Fachleute sprechen von Targeted Therapy. Bekannt sind Treibermutationen heute vor allem beim Lungenkrebs und beim schwarzen Hautkrebs.

Medizin

Neue Ära in der Krebstherapie?

Seit Jahrzehnten versuchen Forscher, das Immunsystem gegen Tumore zu mobilisieren. In den USA haben Krebsmediziner mit neuen Antikörpern sichtbare Erfolge erzielt.   Von Kathrin Zinkant

Noch größer sind die Erwartungen auf dem zweiten Feld, der Immuntherapie. Impfungen, Zellen und vor allem spezialisierte Eiweiße, die Antikörper genannt werden, mobilisieren die körpereigene Abwehr gegen den Tumor. Mit teilweise spektakulären Erfolgen. Ärzte berichten von Fällen, in denen Tumoren und Metastasen regelrecht schmelzen. Die Immuntherapie beeindruckt aber nicht allein durch ihre Resultate. Sie zeigt auch, wie wichtig ein langer Atem in der Forschung sein kann. Denn die körpereigene Abwehr gegen Krebs zu richten, ist eine mehr als 120 Jahre alte Idee; schon Ende des 19. Jahrhunderts versuchten Ärzte, das Immunsystem von Tumorpatienten mit Bakterien zu stimulieren. In Einzelfällen sogar mit Erfolg, was sich damals allerdings niemand genau erklären konnte.

Rationale Ansätze kamen erst ein Jahrhundert später ins Spiel. "Man hat damals versucht, den Krebs gezielt an seinen besonderen Merkmalen zu packen, das Immunsystem mit Impfungen auf diese sogenannten Antigene abzurichten", erinnert sich Ulrich Keilholz. Das Prinzip glich einem Vakzin, wie man es von Masern oder Röteln her kennt. Der Impfstoff zeigt dem Immunsystem, worauf es sich stürzen soll - und lässt den Körper den Rest erledigen. Tatsächlich prägten sich Immunzellen die Kennzeichen des Krebses nachweislich ein. Aber wirksam bekämpfen konnten sie die Tumoren trotzdem nicht. "Anfang dieses Jahrtausends musste man einsehen, dass auch die Impfungen nicht effektiv sind", erzählt Keilholz.