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Arzt-Patienten-Gespräch:Wenn schlechte Krebsprognosen verschwiegen werden

70 Prozent der schwer Krebskranken haben falsche Erwartungen an die Jahre, die ihnen noch bleiben - und leiden dadurch womöglich unnötig.

Die Hoffnung stirbt nicht zuletzt, danach sind noch ein paar Organsysteme und Zellstrukturen dran. Allerdings halten Zuversicht und positive Erwartungen erstaunlich lange an - auch wenn etliche Anzeichen für einen raschen Krankheitsverlauf und ein baldiges Ende sprechen. Wie sehr Patienten mit fortgeschrittenem Krebs ihren Gesundheitszustand beschönigen und mit einer günstigeren Prognose rechnen, zeigen Ärzte und Psychologen aus den USA im Fachmagazin JAMA Oncology (online) vom heutigen Freitag.

Das Team um den Palliativmediziner Robert Gramling hat 236 Tumorpatienten befragt, wie sie ihre Überlebenschancen einschätzen und ob sie damit rechnen, noch zwei Jahre oder länger zu leben. Zusätzlich wurde erhoben, wie die 38 behandelnden Ärzte die Prognose ihrer Patienten beurteilen. In 68 Prozent der Fälle gab es erhebliche Unterschiede zwischen der Einschätzung der Ärzte und jener der Kranken, die ihre Chancen fast ausnahmslos als besser bewerteten. Erstaunlicherweise war neun von zehn Patienten nicht bewusst, dass ihre Ärzte eine viel skeptischere Prognose abgaben als sie selbst.

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"Einige Patienten werden zwar ahnen, dass ihr Arzt die Prognose ganz anders einschätzt, aber sie schließen sich dieser Meinung nicht an und vertrauen lieber anderen Quellen", sagt Ronald Epstein vom Rochester Medical Center, der sich auf Arzt-Patienten-Kommunikation spezialisiert hat und ebenfalls an der Studie beteiligt war. "Andere Patienten hingegen glauben, dass ihr Arzt ihre Ansichten zur Prognose teilt, auch wenn das mitnichten der Fall ist."

Die falschen Vorstellungen der Patienten führen zu unnötigen Therapien am Lebensende

Für die Forscher sind die deutlichen Unterschiede in der Beurteilung der Krankheit ein Beleg dafür, dass im ärztlichen Gespräch mit Schwerkranken heikle Themen zur Begrenztheit des Lebens umgangen werden. Natürlich könne kein Arzt sagen, wie lange ein Patient noch zu leben habe, und immer wieder gebe es erfreuliche Ausreißer in der Statistik. "Eine positive Lebenshaltung kann natürlich auch die Lebensqualität erhöhen", sagt Epstein. "Aber wenn ein Patient mit fortgeschrittenem Krebs denkt, dass er zu 90 oder 100 Prozent in zwei Jahren noch lebt, während sein Arzt die Chancen mit zehn Prozent beziffert, ist das schon ein Problem."

Zudem kann die unterschiedliche Erwartungshaltung schädlich für Patienten sein, sodass Ärzte wie Kranke die Versorgung in der letzten Lebensphase rückblickend bedauern. So geben 70 Prozent der Patienten in der Studie an, dass sie an Therapieentscheidungen beteiligt werden wollen und sich keine aggressive Therapie bis zuletzt wünschen. Wenn sie ihre Lebenserwartung allerdings massiv überschätzen, stimmen sie womöglich Behandlungen zu, die ihnen nicht helfen, sondern zusätzlich belasten. "Wenn Patienten denken, dass sie mit ihrem Krebs noch lange leben, auch wenn alle Befunde dagegen sprechen, führt dies vielleicht zu aggressiver Chemotherapie, künstlicher Beatmung oder Dialyse", warnt Epstein. "Paradoxerweise verringern diese Maßnahmen die Lebensqualität, halten Patienten davon ab, die Zeit mit ihren Angehörigen zu genießen und verkürzen manchmal sogar das Leben."

Es ginge nicht darum, Patienten zu brüskieren, sondern ihnen einfühlsam und klar mitzuteilen, wie es um sie steht. "Wir wissen aus zahlreichen Untersuchungen, dass Patienten und Angehörige, aber auch die Ärzte Themen meiden, in denen es um die Prognose und den Tod geht", sagt Palliativmediziner Gramling. "Wir Ärzte haben Nachholbedarf und brauchen Gespräche, in denen das Lebensende angesprochen wird und Werte und Wünsche der Patienten geachtet werden."

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