Transplantations-Skandal in Göttingen "Da hilft nur eine staatliche Aufsicht"

Nach dem Bekanntwerden des Organspende-Skandals an der Uni-Klinik Göttingen streiten Ärzte, Politiker und Stiftungen über mögliche Lehren aus der Affäre. Während die Mediziner stärkere interne Kontrollen für ausreichend halten, gibt es für die CSU nur eine mögliche Konsequenz.

Von Christina Berndt

Im Organspendenskandal hat sich der verdächtige frühere Oberarzt des Universitätsklinikums Göttingen bislang nicht vor den Ermittlungsbehörden zu den Vorwürfen geäußert. Er habe sich einen Verteidiger genommen und die Möglichkeit, sich zu äußern, nicht genutzt, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Braunschweig am Sonntag. Dem Klinikum zufolge bestreitet der Arzt die Vorwürfe.

Der frühere Leiter der Göttinger Transplantationsmedizin steht unter dem Verdacht, Akten gefälscht und so dafür gesorgt zu haben, dass Patienten beim Empfang von Spenderlebern bevorzugt wurden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Bestechlichkeit. Sie will jetzt auch weiteren Hinweisen auf Organhandel in Göttingen nachgehen, die die Ständige Kommission Organtransplantation (Stäko), die Prüfungs- und die Überwachungskommission bei der Bundesärztekammer zutage gefördert haben.

Derweil ist eine Diskussion über mehr Kontrolle in Sachen Organspende entbrannt. Die Ärztekammer-Kommissionen und die privaten Stiftungen wie Eurotransplant und die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) hätten "solche Vorfälle wie in Göttingen erkennbar nicht vermeiden können", sagte der Vizevorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Johannes Singhammer (CSU), der SZ. "Da hilft nur eine staatliche Aufsicht."

Die Vorfälle in Göttingen seien in hohem Maße bedrückend, ergänzte der Chirurg Gundolf Gubernatis, ehemaliger geschäftsführender Arzt der DSO. "Wenn man dieser Sache noch irgendetwas Gutes abgewinnen will, dann, dass die Politik nun endlich die Konsequenzen zieht und die Strukturen der Überwachung effektiver gestaltet."

Bei der Bundesärztekammer und den Stiftungen setzt man dagegen auf mehr interne Kontrolle. Er sei "sehr dafür", die Transplantationszentren in Zukunft stichprobenartig zu überprüfen, schlug der Herzchirurg Bruno Meiser in der Welt am Sonntag vor. Meiser ist Präsident der Stiftung Eurotransplant, die die Verteilung der Spenderorgane vornimmt. "Jedes gespendete Organ ist einmalig, ein Akt der Nächstenliebe über den Tod des Spenders hinaus", so Meiser weiter. "Mit diesem kostbaren Gut müssen wir nach höchsten ethischen Grundsätzen umgehen."

Im Deutschlandradio regte Eckhard Nagel, Ärztlicher Direktor der Uniklinik Essen, an, über die große Zahl der Transplantationszentren nachzudenken. Weniger beteiligte Personen ließen sich besser kontrollieren, sagte Nagel, an dessen Klinikum deutschlandweit mit Abstand die meisten Lebern transplantiert werden. Nagel machte sich auch für ein Vier-Augen-Prinzip stark: Ein zweiter Arzt sollte die Angaben überprüfen, bevor ein Patient auf die Warteliste gesetzt werde, schlug er vor.

In dieser Art hatte sich zuvor schon der Stäko-Vorsitzende Hans Lilie von der Uni Halle geäußert. Dies stieß nicht überall auf Begeisterung: Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe und ebenfalls Stäko-Mitglied, sagte der Welt: "Wir müssen nicht das ganze System revolutionieren." Er gehe "nicht davon aus, dass alle Ärzte korrupt sind."

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