Schweinegrippe Neue Kritik an Therapie und Impfung

Um die Schweinegrippe ist es still geworden. Dafür streiten die Experten über die Mittel im Kampf gegen die Erreger. Während es Zweifel an der Wirksamkeit von Tamiflu gibt, häufen sich die Hinweise auf Nebenwirkungen von Pandemrix.

Von Werner Bartens

Im Januar starben zwei Menschen in Mexiko an der Schweinegrippe, am Sonntag erlag offenbar eine chronisch kranke Vierjährige aus Trier der Krankheit. Im Vergleich zu den Infektionszahlen in der Grippesaison 2009/10 ist es allerdings still um die Erkrankung geworden.

Der Impfstoff Pandemrix steht in der Kritik.

(Foto: dpa)

Was Ärzte, Laien und Politiker zunehmend beschäftigt, sind vielmehr die Folgen von Impfung und Therapie: Die von Behörden und Gesundheitspolitikern propagierte Behandlung mit Oseltamivir - bekannt als Tamiflu - ist offenbar weitaus weniger wirksam als gedacht. Und der Impfstoff Pandemrix scheint besonders bei Kindern immer wieder schwere Formen der Narkolepsie auszulösen.

Kürzlich äußerten Forscher um den Influenza-Experten Tom Jefferson massive Zweifel an der Wirksamkeit von Tamiflu. In einer Analyse für die renommierte Cochrane Database stellten die Wissenschaftler fest, dass Tamiflu die Dauer der Beschwerden allenfalls um 21 Stunden verringert, die Zahl der stationär zu behandelnden Patienten durch das Medikament aber gar nicht gesenkt werde.

Womöglich beruht sogar diese Bilanz auf geschönten Zahlen. "60 Prozent der Ergebnisse zu Oseltamivir wurden nie veröffentlicht, darunter auch die bisher größte Studie", sagt Jefferson. "Wir befürchten, dass die Daten der Wissenschaft verborgen bleiben." Werden unliebsame Ergebnisse weggelassen, verbessert das die Bilanz eines Medikaments zu unrecht.

Roche steht hinter den Daten, die Wirksamkeit und Sicherheit von Tamiflu belegen", teilt der Hersteller auf Anfrage mit. "Fast 80 Prozent der klinischen Daten zu Tamiflu von Roche wurden durch Publikationen oder online der Wissenschaftsgemeinde zur Verfügung gestellt."

Roche kündigt zudem an, "ausstehende Daten ebenfalls öffentlich zur Verfügung zu stellen". Ein bemerkenswerter Umstand, denn das Mittel ist seit fast zehn Jahren zugelassen.

Das unabhängige Arznei-Telegramm urteilt daher: "Für die seit 2002 von der WHO empfohlene Einlagerung von antiviralen Mitteln wie Oseltamivir für eine Virusgrippe-Pandemie fehlt die wissenschaftliche Basis." Bundesländer halten das fragwürdige Grippemittel dennoch auf Lager.

Auch der Impfstoff Pandemrix, der kürzlich vernichtet wurde, weil sich in Deutschland nur sechs Prozent der Bevölkerung haben impfen lassen, das Mittel aber für 50 Millionen Menschen bestellt worden war, steht in der Kritik.

Neben Gelenkschmerzen, Fieber und allergischen Reaktionen ist nach der Impfung bei mehr als 160 Menschen weltweit die krankhafte Schlafsucht Narkolepsie aufgetreten. In Finnland und Schweden häufen sich die Fälle, dort sind 70 Prozent der Bevölkerung mit dem umstrittenen Stoff geimpft.