Schreibabys Wenn das Kind ohne Pause brüllt

Eltern, die ihr Kind nicht beruhigen können, entwickeln oft Schuldgefühle oder gar Aggressionen. Wichtig ist, rechtzeitig professionelle Hilfe zu suchen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Permanent schreiende Säuglinge können ihre Eltern in die Verzweiflung treiben. Viele Mütter und Väter vermuten Dreimonatskoliken oder ein Kiss-Syndrom hinter dem Weinen und probieren alle möglichen Mittel aus. Doch Hilfe braucht vor allem die Seele.

Von Birgit Herden

Sie hatte sich auf diese ersten Monate gefreut, doch dann wurde die Mutterschaft zum Albtraum. Die neugeborene Tochter schrie und schrie, das kleine Gesicht hochrot, alle Muskeln angespannt, der ganze Körper versteift, und ließ sich einfach nicht beruhigen. Kein Stillen oder Wiegen, kein Streicheln oder liebesvolles Zureden half. Das Baby schien in unstillbarem Zorn und Schmerz gefangen zu sein, unerreichbar für die Eltern.

"Ich habe mich wie ein Häufchen Dreck gefühlt", erinnert sich die Mutter Karin B., die ihren echten Namen nicht veröffentlichen möchte. "Ganz offensichtlich brachte ich die einfachste Sache der Welt nicht zustande - mein Kind glücklich zu machen." Das unentwegte Gebrüll trieb sie nach einigen Wochen fast in den Wahnsinn. "Wenn nicht schon alle von der Geburt gewusst hätten, hätte ich mein Kind vielleicht zur Babyklappe gebracht, so verzweifelt war ich."

In ihren dunkelsten Momenten war die vormals fröhliche und erfolgreiche Frau kurz davor, ihr Baby vom Balkon zu werfen. "Auch mein Freund hat mir solche Gedanken gestanden." Zugleich plagten ständige Selbstvorwürfe die Mutter: Musste ihr Kind nicht spüren, dass sie es nicht lieben konnte, und schrie es vielleicht deshalb so verzweifelt?

Vielleicht hätte es Katrin B. damals schon geholfen, wenn sie gewusst hätte, wie häufig junge Mütter unter ähnlichen Gefühlen leiden: Je nach Definition legen fünf bis 25 Prozent aller deutschen Babys das sogenannte "exzessive Schreien" an den Tag. Die Eltern geraten dadurch meist in einen Teufelskreis. Tipps, wie sich der durchbrechen und das Kind beruhigen lasse, gibt es zwar viele. Doch wie wirksam sind die einzelnen Methoden? Hilft überhaupt irgendetwas?

Diese Fragen hat nun das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (Dimdi) untersuchen lassen. Fazit: Am besten kommen psychotherapeutische Ansätze weg. Den meisten anderen untersuchten Therapien stehen die Prüfer mindestens skeptisch gegenüber.

In die Bewertung sind die Ergebnisse von 18 Studien eingeflossen, die zum Teil wiederum mehrere Einzelstudien auswerteten. Die Mehrzahl der Untersuchungen stammt aus den USA und aus Großbritannien. Vier der Studien befassen sich mit der Wirkung pflanzlicher Mittel, mit denen Säuglinge im Krankenhaus behandelt werden, oder mit der Ernährung der Mutter, etwa wenn diese auf Milchprodukte verzichtet.