Psychotherapie Die Heilkraft des Erzählens

Der Blick zurück auf die Strapazen der Flucht und das Warten auf das Ankommen können ein Trauma auslösen.

(Foto: picture alliance / AP Photo)

Albträume, Flashbacks, Suizidgedanken - Opfer von Krieg und Folter leiden noch Jahre später an traumatischen Belastungen. Eine neue Erzähl-Therapie hilft bei der Heilung.

Von Werner Siefer, Konstanz

Der Horror ist im Kopf dieses Mädchens mit nach Konstanz gekommen. An den Bodensee, der an diesem Sonnentag besonders idyllisch zu ruhen scheint. Sie ist 16 Jahre alt und schmächtig. Sie trägt Jeans, T-Shirt und Turnschuhe. Ihre Haare sind schwarz und lang und ihre braunen Augen wach. Sie sitzt auf einem Sofa am Institut für Psychologie der Universität Konstanz und erzählt ihre Geschichte. Sie handelt von ihrer Zeit als Sklavin der Terrororganisation Islamischer Staat (IS), von Folter, Entwürdigung, Vergewaltigung und ihrer Befreiung.

"Wir mussten für die Terroristen kochen und putzen", sagt das Mädchen Aziza (Name geändert). "Wir wurden geschlagen, wenn wir etwas Falsches gemacht haben. Jeder der Terroristen durfte uns schlagen. Und täglich wurden wir von ihnen vergewaltigt." Sie spricht Arabisch, eine Dolmetscherin mit Kopftuch übersetzt ihre Worte flüssig ins Deutsche. Die Psychologin Eva Barnewitz würde sonst nicht verstehen, was das Mädchen zu erzählen hat.

Aziza gehört der Volksgruppe der Jesiden an und leidet seit ihren schrecklichen Erlebnissen im Irak an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Sie konnte nicht mehr schlafen, Alpträume quälten sie und mehrmals versuchte sie, sich umzubringen - auch als sie bereits in Deutschland war und damit längst in Sicherheit. Die Therapie bei den Konstanzer Psychologen soll ihr nun helfen, mit den schrecklichen Erlebnissen fertig zu werden. Dabei stützen sich die Trauma-Experten auf eine neue Form der Verhaltenstherapie: Die Patienten erzählen ganz einfach ihre Geschichte.

Ein Drittel der Flüchtlingskinder ist psychisch krank

Krieg, Flucht und eine schlechte Versorgung in Deutschland können Spuren hinterlassen: Fast jedes vierte Flüchtlingskind hat eine Posttraumatische Belastungsstörung. Von Berit Uhlmann mehr ...

Von seinen Erlebnissen zu berichten, sich und seine Wertvorstellungen in der Welt und in der Gemeinschaft der anderen zu verorten hat etwas Heilendes. Das nutzte bereits Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, der seinen Patienten mit der Macht des Zuhörens auf den Leib rückte. Vom Bedarf an der selbstheilenden Kraft des Erzählens zeugt auch die Flut an Autobiografien oder Blogs. Doch neuerdings hat die Methode der Narration auch unter Wissenschaftlern wieder Konjunktur - auch wegen ihrer enormen Wirksamkeit. Die Narrative Expositionstherapie - ein Verfahren, das eine Konstanzer Arbeitsgruppe um Maggie Schauer, Frank Neuner und Thomas Elbert entwickelte - ist nicht nur vergleichsweise einfach, sondern bestechend effektiv, wie zahlreiche Studien belegen konnten.

Blumen stehen für freudige Ereignisse, Steine für die schrecklichen Dinge

Bei 70 bis 80 Prozent der Patienten mit dem Vollbild einer PTBS sinken nach der Erzähltherapie die Symptome unterhalb die Diagnoseschwelle. Symptome wie Angst- und Depressionen gehen zurück, zwischenmenschliche Probleme werden weniger und die zuvor häufig eingeschränkte Lern- und Berufsfähigkeit erholt sich wieder. Bewährt hat sich die Erzähl-Behandlung selbst bei Opfern von Mehrfachtraumatisierung oder andauerndem Kindesmissbrauch, Folter, Vergewaltigung, Menschenhandel oder bei Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Wer Schlimmes erlebt hat, den plagen die Erinnerungen daran oft ein ganzes Leben lang. In Europa sind das vermutlich rund zwei bis acht Prozent der Bevölkerung. Unter den Migranten, die seit dem Sommer 2015 Deutschland erreichten, vermutet Schauer um die 40 Prozent Therapiebedürftige. Verlässliche Studien zur Verbreitung liegen nicht vor, so dass Experten von einer hohen Dunkelziffer ausgehen. Hinzu kommt, dass viele - zum Beispiel Angehörige der deutschen Kriegsgeneration oder Unfallopfer - gar nicht wissen, dass sie zu den Betroffenen gehören. Oft halten die Opfer unvermittelt ins Bewusstsein schießende Schreckensbilder, andauernde Schlaflosigkeit, aber auch Veränderungen in Denken und Fühlen für völlig normal.