Psychiatrie Angst vorm Kuckucksnest

Der Fall Gustl Mollath hinterlässt einmal mehr den Eindruck, man könne ganz schnell in "die" Psychiatrie hineingeraten und dann jahrelang bleiben. Die Realität sieht etwas anders aus. Wie kommt man in eine psychiatrische Einrichtung - und wie wieder raus?

Von Christian Weber

Fast schon reflexhaft wird im Fall Mollath auf Milos Formans Film "Einer flog über das Kuckucksnest" verwiesen, der die Psychiatrie der 1970er-Jahre als menschenverachtendes System inszeniert.

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Manche Menschen überrascht es zu hören, dass psychiatrische Kliniken üblicherweise über offene Türen verfügen. Tatsächlich kommt man dort leichter rein und raus als in ein normales Bürogebäude. Die meisten Patienten bleiben dort nur wenige Wochen, in schweren Fällen Monate. Schon wegen des Kostendrucks sinkt die durchschnittliche Verweildauer seit Jahren.

Erwähnenswert ist hierbei auch, dass in Europa epidemiologischen Studien zufolge etwa 30 Prozent der Menschen einmal im Jahr unter psychischen Problemen leiden. Dennoch ist es gerade mithilfe der Psychiatrie gelungen, die Anzahl der Suizide in Deutschland seit 1980 von jährlich 18.000 auf derzeit 10.000 zu reduzieren.

Man muss diese Tatsachen ins Gedächtnis rufen, wenn man derzeit manche Meinung zum Fall Gustl Mollath hört, der - womöglich wegen eines Justizirrtums - in "der Psychiatrie" gelandet sei. Da ist die Rede von "der" Psychiatrie, in die man hineingeraten kann und wo man dann Jahre bleibt. Fast schon reflexhaft wird dann auf Milos Formans Film "Einer flog über das Kuckucksnest" verwiesen, der die Psychiatrie der 1970er-Jahre als menschenverachtendes System inszeniert. Mit der Realität von heute das wenig zu tun.

Es fängt schon damit an, dass Patienten in aller Regel frei entscheiden, ob sie sich einer stationären Therapie unterziehen wollen. Eine - notfalls auch erzwungene - Einweisung in eine geschlossene Station durch die Polizei erfolgt nur dann, wenn ein Arzt einem psychisch erkrankten Menschen eine akut große Suizidgefahr bescheinigt oder befürchtet, dass dieser andere gefährdet. Spätestens am Folgetag muss das zuständige Gericht eine solche Noteinweisung bestätigen, die häufig Schizophrene oder Manisch-Depressive betrifft.

Im schlimmsten Fall werden sie mit Medikamenten sediert oder auf einem Bett fixiert. Das sieht nicht schön aus, aber lässt sich mitunter kaum vermeiden. Dabei sind auch geschlossene Psychiatrien keine Gefängnisse; sie unterscheiden sich von normalen Stationen vor allem durch die verschlossene Zugangstür und eine dauernde Überwachung. Außerdem bleiben die meisten Betroffenen dort nur für relativ kurze Krisenphasen.

Diese wenig skandalöse Situation ändert sich auch nicht dadurch, dass die derzeitige psychiatrische Diagnostik unbefriedigend ist. Die aktuellen Diagnosekataloge bieten reine Symptom-Checklisten an. Eine Depression diagnostiziert ein Arzt bereits dann, wenn er fünf von neun möglichen Symptomen ankreuzt. Das ist vermutlich ein unterkomplexer Ansatz zur Erfassung der menschlichen Psyche, begünstigt aber nicht eine voreilige Abschiebung in die Psychiatrie. Da geht es ja eher um die allgemeine Situation: Kommt ein Mensch noch alleine zurecht? Hat er soziale Unterstützung? Ist er suizidal?